Wie der deutsche Fußball seine jüdische Vergangenheit vergaß

Wie Traditionsvereine mit ihren jüdischen Ikonen umgingen

All das änderte sich im Frühjahr 1933 schlagartig. Nur wenige Wochen nach dem Machtantritt von Adolf Hitler als Reichskanzler am 30. Januar begann die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Erste Vorboten einer immer radikaler werdenden Ausgrenzungspolitik waren der Anfang April von den Nationalsozialisten verordnete Boykott jüdischer Geschäfte sowie die Entlassung jüdischer Beamter aus dem Staatsdienst. Auch deutsche Turn- und Sportorganisationen begannen schon in diesen Tagen in eigener Initiative mit dem Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder. Quasi über Nacht machten sie aus den bisherigen Vereinskameraden Verfemte und Verfolgte.

Die Stuttgarter Erklärung

Bereits am 9. April 1933 betonten 14 Vereine aus dem Süden und Südwesten der Republik in einer gemeinsamen Resolution, sich »der nationalen Regierung [...] freudig und entschieden« zur Verfügung zu stellen und »insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen« mit den neuen Machthabern zusammenzuarbeiten. Der Kreis der unterzeichnenden Vereine dieser sogenannten »Stuttgarter Erklärung« liest sich wie das damalige »Who is who« des südwestdeutschen Fußballs: Stuttgarter Kickers, Karlsruher FV, Phönix Karlsruhe, Union Böckingen, FSV Frankfurt, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, SpVgg Fürth, SV Waldhof, Phönix Ludwigshafen, FC Bayern München, TSV 1860 München, 1. FC Kaiserslautern und FK Pirmasens.

In vielen dieser Vereine hatten jüdische Spieler und Funktionäre bis dahin herausragende Rollen gespielt: der Karlsruher FV mit seinen jüdischen Nationalspielern Fuchs und Hirsch, Bayern München mit dem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer, Eintracht Frankfurt mit einer Vielzahl jüdischer Förderer oder der FK Pirmasens und der 1. FC Nürnberg, an deren Gründung und Entwicklung Juden entscheidend beteiligt waren.

Lakonisch oder subtil

Der Ausschluss jüdischer Mitglieder verlief sehr unterschiedlich. Nur in wenigen Fällen sind Vorstandsbeschlüsse überliefert, eine dieser Ausnahmen ist der 1. FC Nürnberg. Er setzte nur wenige Tage nach Unterzeichnung der »Stuttgarter Erklärung» den Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder um und teilte den betroffenen Vereinsmitgliedern in einem Schreiben am 28. April lakonisch mit:

»Wertes Mitglied, Wir beehren uns, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß der Verwaltungs-Ausschuß in seiner Sitzung vom 27. April d. J. gemäß § 32 Ziff. II folgenden Beschluß gefaßt hat: Der 1. FC Nürnberg streicht die ihm angehörenden jüdischen Mitglieder mit Wirkung vom 1. Mai 1933 aus seiner Mitgliederliste.«

Die meisten Klubs entwickelten beim Ausschluss subtilere Strategien. Sie forderten ihre jüdischen Mitglieder beispielsweise auf, durch einen »freiwilligen« Austritt ihrem Ausschluss zuvorzukommen. Oder sie ließen ihren jüdischen Spielern durch die Trainer mündlich mitteilen, dass sie in Zukunft unerwünscht seien. Festzuhalten ist, dass in dieser Phase kein Fußballklub durch die NS-Machthaber zum Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder gezwungen wurde. Das belegt etwa das Beispiel von Eintracht Frankfurt: Obwohl der Klub im April 1933 zu den Unterzeichnern der »Stuttgarter Erklärung« gehört hatte, verzichtete er zunächst auf die Einführung radikaler judenfeindlicher Bestimmungen.

Widersprüchlicher Umgang mit Vereinsikonen

Recherchen des Vereinsarchivars Matthias Thoma zeigen, dass der Verein noch bis mindestens 1935 jüdische Mitglieder deckte und sogar »Nichtarier« neu aufnahm, die in anderen Klubs ausgestoßen worden waren. Die letzten Sportler jüdischer Herkunft mussten die Eintracht erst im Jahr 1937 verlassen. Auch beim FC Bayern trat der jüdische Vereinspräsident Kurt Landauer zwar im März 1933 zurück, behielt aber hinter den Kulissen noch einige Zeit gewissen Einfluss. Auch der Karlsruher FV verhielt sich widersprüchlich. Als ihr prominentestes jüdisches Mitglied, Julius Hirsch, aus dem Klub austrat, nachdem dieser die »Stuttgarter Erklärung« unterschrieben hatte, bat der Vorstand sein »altes und bewährtes Mitglied« doch die offiziellen Richtlinien der Reichsregierung abzuwarten.