Wie der deutsche Fußball seine jüdische Vergangenheit vergaß

Verehrt - Verfolgt - Vergessen

Bis 1933 waren Juden ein selbstverständlicher Teil des deutschen Fußballs. Nach ihrer Vertreibung und dem Holocaust geriet das fast völlig in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren ist eine Kultur des Erinnerns entstanden.

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Als der Fußball Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland kam, wurde das englische Spiel von vielen etablierten Bürgern verächtlich als »Fußlümmelei« und »englische Krankheit« abgelehnt. Die alten Eliten standen ihm kritisch gegenüber, weil der neue Fußballsport weltoffen, tolerant und international ausgerichtet war. Er bot im Gegensatz zum bis dahin dominierenden Turnen, das Jugendliche mit militärischem Drill und in streng deutschnationaler Gesinnung erzog, individuelle Bewegungs- und Entfaltungsmöglichkeiten.

Auch Juden hatten im Kaiserreich mit Ressentiments zu kämpfen, obwohl sie seit der Verfassung von 1871 erstmals formal rechtlich gleichgestellt waren. Dennoch stießen sie bei ihren Bemühungen um Anerkennung auch im Sport nicht selten auf Ablehnung und Widerstände. Einige Turnvereine etwa erließen bereits um die Jahrhundertwende Arierparagrafen, mit denen sie sich vor einer angeblichen jüdischen »Unterwanderung« schützen wollten. Demgegenüber waren Fußballvereine für Juden besonders attraktiv, weil sie Minderheiten neue gesellschaftliche Freiräume öffneten. Es ist daher keine Überraschung, dass ungewöhnlich viele Juden an der Verbreitung des Fußballs in Deutschland beteiligt waren.

Bensemann und der Deutsche Fußball-Bund

Zahlreiche Spitzenvereine von heute, wie der FC Bayern München, der 1. FC Nürnberg oder Eintracht Frankfurt, wurden von Juden mitgegründet. Auch an der Entstehung des DFB im Jahr 1900 waren Juden entscheidend beteiligt, etwa der aus England stammende John Bloch oder die Brüder Gustav und Friedrich Mannheimer. Am wichtigsten jedoch wurde Walther Bensemann. Der Fußballvisionär war fest von der völkerverbindenden und friedensstiftenden Kraft des Fußballspiels überzeugt und kämpfte beharrlich für diese Ziele. Nachdem er ab den 1880er-Jahren an der Gründung zahlreicher Fußballvereine in Süddeutschland beteiligt war, organisierte er 1893 die ersten internationalen Begegnungen deutscher Mannschaften und 1899 die sogenannten Ur-Länderspiele, Spiele deutscher Auswahlmannschaften noch vor Gründung des DFB gegen Teams aus England und Frankreich. Bensemann war es auch, der 1900 auf der Gründungsversammlung des DFB in Leipzig den Namen Deutscher Fußball-Bund zur Abstimmung vorschlug. 1920 gründete er zudem mit dem »Kicker« eine Fußballzeitschrift, um seine Ideen auch publizistisch zu verbreiten.

Auch in kleineren Orten und Gemeinden waren Juden an der Gründung von Fußballvereinen beteiligt. Gerade auf dem Land war der Sport für Juden weit mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung. Im gemeinsamen Spiel, Seite an Seite mit den christlichen Teamkameraden, erlebten Juden eine neue Form der Akzeptanz und Einbindung, die ihnen in anderen Lebensbereichen versagt blieb. Auf diese Weise wurde der Fußball auch zu einem Motor der gesellschaftlichen Integration.

Anfänge des Antisemitismus

Juden waren aber nicht nur als Funktionäre wichtig, sondern auch als Spieler. 1911 wurden die beiden Karlsruher Stürmer Julius Hirsch und Gottfried Fuchs als erste und bis heute einzige jüdische Spieler in die deutsche Nationalmannschaft berufen. Zusammen bestritten sie 13 Länderspiele und schossen dabei 17 Treffer. Gottfried Fuchs stellte sogar einen bis heute unerreichten Rekord im Nationaltrikot auf: Beim 16:0-Sieg gegen Russland während der Olympischen Spiele 1912 gelangen ihm zehn Tore. Zwar kein Nationalspieler, aber Anfang der 1920er-Jahre ein großer Star des Berliner Fußballs war Rechtsaußen Simon Leiserowitsch von Tennis Borussia.

Vor 1933 kickten die meisten jüdischen Fußballer in den Vereinen des DFB. Rein jüdische Fußballklubs, in denen Juden unter sich spielten, gab es zunächst nur in wenigen großen Städten. In den Krisenjahren der Weimarer Republik wurden Juden jedoch auch auf dem Fußballplatz zunehmend mit Antisemitismus konfrontiert. Das zeigte sich etwa 1924, als sich der Westdeutsche Spielverband weigerte, den Verein Hakoah Essen in seine Reihen aufzunehmen. Als Reaktion darauf gründeten sich in mehreren westdeutschen Städten jüdische Vereine, die sich im VINTUS (Verband jüdisch-neutraler Turn- und Sportvereine) zusammenschlossen. Dieser startete im November 1925 die erste selbstorganisierte jüdische Fußballliga in Deutschland. Generell waren in diesen Jahren aber zumindest Freundschaftsspiele zwischen jüdischen Mannschaften und Vereinen des DFB an der Tagesordnung.

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