Wie der Bundestrainer mit seinen Möglichkeiten umgeht

Wer beweist es Jogi?

Dennoch befindet sich Löw in einer komfortablen Situation: Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft stehen ihm alle Türen offen. Er kann sowohl den weltmeisterlichen Ballbesitzansatz weiter forcieren als auch auf der Konterstärke des Confed-Cup-Teams aufbauen.

Doch was wird Löw aus diesen Möglichkeiten machen? Seit dem Gewinn des Weltmeister-Titels erweiterte Löw ständig sein Repertoire, wechselt mittlerweile von Spiel zu Spiel System und Formation. Viererkette oder Dreierkette, ein Stürmer, zwei oder gar keiner – Löw hat alle Varianten in den vergangenen Jahren getestet. Festgelegt hat er sich bislang auf keine.

Kern muss sich finden

Dies passt zu dem Eindruck, den man als außenstehender Beobachter in den vergangenen Jahren von Löw bekommen hat. Der Weltmeister-Trainer ruht stärker in sich, ist in fußballerischen Fragen weniger dogmatisch. Er versucht einfach, die beste Elf auf den Platz zu bekommen. Insofern ist es gut möglich, dass wir uns bis zum kommenden Jahr gedulden müssen, ehe wir die Konturen seiner Elf sehen werden.

Einen Anhaltspunkt gibt es indes: Bei Weltmeisterschaften agierte Löw – anders als bei Europameisterschaften – stets taktisch konservativ, setzte auf eine feste erste Elf und verzichtete auf taktische Experimente. Defensive Stabilität war ihm wichtiger als offensive Durchschlagskraft. Insofern ist es durchaus möglich, dass Löw in den kommenden Monaten die taktischen Möglichkeiten verengen und stärker auf eine stabile taktische Variante hinarbeiten wird.

Gesetzt sind nur wenige

Wer bei der Weltmeisterschaft auflaufen wird und wer auf der Strecke bleibt, ist völlig unklar. Gesetzt sind wenige: Mats Hummels brilliert als Chef der Abwehr, Toni Kroos ist der Taktgeber im Mittelfeld-Zentrum, Jonas Hector und Joshua Kimmich beackern mangels Alternativen die Außenverteidiger-Positionen. Alle anderen Spieler müssen sich beweisen. Löw wird sich genau anschauen, welche Spieler er mitnimmt – und welche nicht.

Löws Vorteil: Nicht nur für ihn ist völlig offen, wie die Mannschaft in einem Jahr aussieht – sondern auch für die Gegner. Die meisten Nationalteams haben einen festen taktischen und personellen Kern. Deutschlands Gruppengegner sehen sich nach der Auslosung Ende des Jahres aber mit mehr Frage- als Ausrufezeichen konfrontiert. Manchmal ist eben nicht klar, wie viel 0,5 plus 0,5 ergibt.