Wie Declan Rice Irlands Staatsfeind Nr. 1 wurde

»Brich dir beide Beine!«

Nach drei A-Länderspielen für Irland will Declan Rice künftig das Trikot von England tragen. Für viele Iren ein handfester Skandal. Selbst seine Eltern zeigen sich darüber entsetzt.

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Von einer Sekunde auf die andere war Declan Rice von Irlands Hoffnungs- und Sympathieträger zum Staatsfeind geworden. Der 20-jährige Jungstar von West Ham United hatte erklärt, beim Weltverband FIFA um einen Nationenwechsel angesucht zu haben. Eigentlich kein ungewöhnlicher Vorgang im heutigen Fußball. Doch Rice lässt mit seiner Entscheidung Millionen von Gemütern hochkochen: Statt wie bisher für die Republik Irland will er nämlich für seine Wahlheimat England spielen – für jene Nation also, die Irland über lange Strecken der Geschichte unterjocht hatte und in den Augen vieler Iren bis heute als feindliche Besatzungsmacht in Nordirland auftritt.

Sogar die Eltern von Rice, die einst aus beruflichen Gründen nach London zogen, jedoch überzeugte Iren sind, reagierten einigermaßen fassungslos ob der Entscheidung ihres Sprösslings. Der hatte immerhin schon drei A-Länderspiele für Irland absolviert – jedoch keine Pflichtpartie. Einige weiter entfernte Angehörige von Rice, die noch in Irland leben, haben nach dem Lagerwechsel sogar angekündigt, jeglichen Kontakt zu dem »Saboteur« abzubrechen. Andere Iren laufen im Internet Amok: Postings wie »Brich dir beide Beine!« oder »Verräter verdienen nur eines: den Strick« zählen noch zu den harmloseren Kundgebungen.

»Vaterlandsloser Opportunist«

Neben einer fortschreitenden Verrohung der Sitten im Netz zeigt der »Fall Rice« vor allem eines: wie geschichtsbelastet und feindselig das Verhältnis zwischen Iren und dem britischen Empire immer noch ist. Und obwohl der Lebensweg des Declan Rice ein ganz anderer ist als jener von Mesut Özil: Beide Karrieren erzählen einiges über die innere Zerrissenheit, die man empfinden kann, wenn man sich zwei (oder mehr) Ländern gleichzeitig zugehörig fühlt.

Dass Rice seine Entscheidung pro England offensichtlich aus sportlichen Gründen getroffen hat (»Ich bin ein stolzer Engländer, aber ebenso stolz auf meine irischen Wurzeln. Es war eine persönliche Entscheidung, basierend auf der Überlegung, was das Beste für meine Zukunft ist«), bringt ihm jedoch kaum mehr Verständnis ein. Im Gegenteil: Während die meisten Iren ihn des Verrats bezichtigen, ist Rice für viele Engländer ein »vaterlandsloser Opportunist«. Die Dubliner Boulevardzeitung »Irish Sun« gibt sogar beiden Lagern Recht, indem sie höhnt: »Wenn einer nun ein stolzer Engländer ist, dann ist es doch schon eine Schande, wenn er bloß für Irlands Junioren-Teams gespielt hat.«

Obwohl fast alle halbwegs brauchbaren irischen Berufskicker ihr Geld im englischen Ligabetrieb verdienen, ist das Verhältnis zwischen beiden Ländern auch im Fußball kompliziert. Erst im November 2018 machte der »Fall James McClean« riesige Schlagzeilen. Der irische Nationalspieler von Stoke City hatte sich geweigert, eine »Remembrance Poppy« auf seinem Trikot zu tragen, und wurde dafür von den eigenen Fans mit Bier, Müll und Schmähwörtern bombardiert.