Wie DDR-Fußballer Mauerfall und Wende erlebten

»Es war schlimmer als zu DDR-Zeiten«

Juli 1990, Tegernsee
Dariusz Wosz, gerade 21 Jahre alt geworden, weilt für ein paar Tage mit seiner Frau am See. Das Management des VfL Bochum hat eingeladen. Der Verein aus dem Ruhrgebiet bekundet großes Interesse an einer Verpflichtung des Spielers vom Halleschen FC.

Der Manager hält Wosz einen weißen Zettel vor die Nase. Er soll blanko unterschreiben, die Modalitäten später eingefügt werden, damit der Wechsel möglichst schnell über die Bühne gehen kann. Wosz heute: »Ein Riesenfehler. Damals habe ich allen blind vertraut und mir gesagt: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich in der Bundesliga spielen muss.«

Doch dann meldet sich der VfL ein halbes Jahr nicht mehr. Wosz ist mittlerweile nicht mehr an einem Transfer interessiert. Das Talent bekommt andere Angebote, aus der Bundesliga und aus dem Ausland. Eines Tages steht plötzlich ein Wagen mit Bochumer Kennzeichen auf dem HFC-Parkplatz.

Wosz will sich verstecken, doch der Mann aus dem Westen kommt schon auf ihn zu. »Ich will dir was zeigen.« Er öffnet den Kofferraum des Autos. Darin befindet sich ein Koffer mit 50 000 D-Mark. »Schönen Gruß, richten Sie Ihren Auftraggebern aus, ich bin nicht käuflich«, sagt Wosz knapp und lässt den Geldboten stehen. Schließlich wird die Angelegenheit vor dem DFB-Gericht in Frankfurt geklärt. Der 22-Jährige muss am Ende nach Bochum gehen – der Hallesche FC erhält 1,2 Millionen D-Mark als Transfererlös.

1. Juli 1990, Braunschweig
Die Eintracht verpflichtet als Trainer eine Legende: Joachim Streich, 102 Länderspiele für die DDR, Europapokalsieger mit dem 1. FC Magdeburg. Bis zum letzten Spieltag der Vorsaison hat er als Coach seines Stammvereins um die Oberligameisterschaft mitgespielt. Ein guter Fang für den Zweitligisten. Doch die Verpflichtung des ersten Ost-Trainers im Westen zieht Probleme nach sich: Die Belastung während der Einheiten ist wesentlich höher, als Westprofis gewohnt sind.

Während Streichs Vorgänger Uwe Reinders derzeit in Rostock das Pensum runterkocht und wesentlich mehr Wert auf Regeneration legt, verlangt Streich seinen Akteuren alles ab. Hinzu kommt, dass den Westdeutschen ein gehöriges Stück Respekt vor ihrem Coach fehlt. Streich erkennt schnell, dass nach einer Nicht-Berücksichtigung ein Spieler postwendend anfängt, Opposition gegen den Trainer zu machen.

In der DDR verlief es nach dem Gehorsamsprinzip – jede Aufstellung wurde ohne Murren hingenommen. Sogar über den Trainingsbeginn um 9 Uhr beschweren sich einige. Streich verlegt die morgendliche Einheit daraufhin auf 9.30 Uhr. Er sagt: »Dann hörte ich auch bald von dem Klischee, dass wir Ossis uns tot trainieren.« Nach einer 0:3-Niederlage in Hannover wird er im März 1991 entlassen. Das Experiment ist gescheitert.

Juli 1990, Karl-Marx-Stadt
Rico Steinmann ist standhaft geblieben. Werder Bremen, der BVB und auch Kölns Sportdirektor Udo Lattek haben sich um den Star aus Karl-Marx-Stadt gerissen, der sich in seiner Heimat der Verantwortung stellt. Nur durch massiven finanziellen Aufwand ist die Mannschaft des Vize-Meisters zusammengeblieben. Nun muss es mit der Qualifikation zur Bundesliga klappen.

In der lokalen Zeitung aber tauchen Mutmaßungen auf, wie hoch das Salär des umgarnten Kickers sei. »Plötzlich wurde in einem Team, das bisher nach dem Gleichheitsprinzip zusammengespielt hatte, bekannt, dass es Unterschiede gibt.« Ein unbekanntes Gefühl beginnt, die Atmosphäre in der Mannschaft von Hans Meyer zu vergiften: Neid. Als der Klub mit einem Fehlstart in die Saison geht, kommt viel Unruhe auf. Denn eins ist klar: Schafft der FC die Qualifikation zur Bundesliga nicht, ist Steinmann weg. Bei einer Krisensitzung steht ein Mitspieler auf und sagt: »Es kotzt mich an, warum geht es hier eigentlich nur noch um Steinmann?«

11. August 1990, überall in der DDR
Die Oberliga startet in ihre letzte Saison. Für die 14 Klubs geht es um die Existenz. 29 Rote und 544 Gelbe Karten an 26 Spieltagen signalisieren, wie umkämpft die Spielzeit ist. In den Medien brandet schon bald die Diskussion auf, ob Top-Spieler besser geschützt werden müssten. Das Zuschauerinteresse an dieser K.O.-Liga ist verheerend. Der Zuschauerschnitt sinkt von bislang 8033 auf nur noch 4807 Besucher pro Spiel.

Dynamo Dresden ist ein gutes Beispiel, wie verzweifelt die Vereine ums Überleben kämpfen. Die Transferpolitik des Klubs zeugt nur bedingt von Fußballkompetenz. Die Abgänge werden nur teilweise kompensiert. Abgehalfterte Bundesligastars wie Sergio Allevi und Peter Lux ergänzen den Kader – und kassieren für überschaubare Leistungen fürstliche Gehälter.

Mit Heiko Scholz von Lok Leipzig tätigt der Klub den ersten Millionentransfer eines DDR-Teams, im Winter kommt auch noch Uwe Rösler für 1,2 Millionen Mark Ablöse aus Magdeburg. Der Dauerverletzte Ralf Minge muss für den Klub in die Bresche springen und wird für jedes Spiel fitgespritzt. Am Ende der Saison muss er mit gerade mal 31 Jahren als Sportinvalide seine Karriere beenden.

9. September 1990, Berlin/Brüssel
Als Nationalcoach Eduard Geyer die Einladungen zum 293. und letzten Länderspiel der DDR drei Tage später gegen Belgien verschickt, hagelt es Absagen. Dirk Schuster lässt mitteilen, dass er ab sofort Westdeutscher sei. Rainer Ernst ist zurückgetreten. Andere geben Verletzungen als Grund für ihr Fernbleiben an. Als sich die Spieler in der Sportschule Kienbaum treffen, sind von 36 potentiellen Nationalspielern nur 12 anwesend.

Nach etlichen Telefonaten sagen zumindest noch Heiko Bonan und Torsten Kracht zu. Der einzige Profi aus der Bundesliga, der anreist, ist Matthias Sammer. Die Unterkunft ist primitiv, das Essen schlecht. Sammer kommt ein düsterer Gedanke. Er will nicht als Kapitän der schlechtesten DDR-Nationalmannschaft in die Geschichte eingehen. Abends fährt er zum Flughafen in Tegel und will zurück nach Stuttgart fliegen. Doch es geht kein Jet mehr raus. Sammer entschließt sich daraufhin – angeblich hat VfB-Manager Dieter Hoeneß ihn überredet – doch mit dem Team nach Belgien zu fliegen.

Im Mannschaftshotel in Brüssel sitzen die Nationalspieler mit ihren Beratern über die Lobby verteilt, diskutieren über Klubs und Gehälter. Teamgeist: Fehlanzeige. Als Taschengeld bekommen sie 20 Mark pro Tag ausgezahlt, dazu 1500 Mark Antrittsprämie. Der Rest vom Schützenfest. Um den sportlichen Ehrgeiz ein letztes Mal zu schüren, lobt der Verband für die 14 Spieler eine Siegprämie von 70 000 Mark aus. Es nützt: Durch zwei Sammer-Tore verabschiedet sich die DDR doch noch mit einem Sieg aus der Fußballgeschichte.

20./21. November 1990, Leipzig
Der DFV löst sich auf und wird daraufhin als Nordostdeutscher Fußballverband (NOFV) ein neuer Regionalverband des DFB.

Herbst 1990, Köln
Die Mauer ist noch kein Jahr gefallen, Deutschland ist wiedervereinigt, und nicht nur im Fußball erlebt die Wende-Euphorie erste Abnutzungserscheinungen. Hans-Uwe Pilz ist kreuzunglücklich bei Fortuna Köln. Der Verein hat ihm einen roten BMW vor die Tür gestellt. Seine Familie wohnt in einem Reihenhaus in einem schicken Kölner Vorort in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Familien Döschner und Trautmann.

Doch mit Rheinländern kommen sie nicht so recht in Kontakt. Seit dem herzlichen Empfang durch Jean Löring ist das Klima abgekühlt. »Die Spieler krochen dem Präsidenten in den Hintern. Es war schlimmer als zu DDR-Zeiten. Wenn ich in der Kabine den Mund aufriss, petzte es irgendeiner weiter und ich musste zum Rapport bei Löring antreten«, erklärt Pilz. Dynamo-Manager Bernd Kießling kontaktiert den Mittelfeldspieler.

Schnell ist klar, dass »Champi« und auch der verletzte Kollege Andreas Trautmann bei Fortuna nicht alt werden. Dynamo verhandelt mit Löring über die Rücksendung der beiden Abtrünnigen. Doch der kölsche Patriarch will Kohle sehen. Vor Weihnachten kauft der sächsische Klub Pilz und Trautmann zurück, Matthias Döschner bleibt in Köln. Dynamo zahlt nun dieselbe Ablöse für zwei Spieler, die es vorher für drei Abgänge erhalten hat.

20. März 1991, Dresden
Der Mob regiert im Stadion im neuen Deutschland. Ein Wiedervereinigungsspiel im Leipziger Volksstadion zwischen einer BRD- und einer DDR-Auswahl wurde im Herbst 1990 bereits wegen »Sicherheitsbedenken« abgesagt. Zu DDR-Zeiten wurden Hooligans als »asoziale Elemente« klassifiziert und vor Prestigeduellen vorsichtshalber in Gewahrsam genommen.

Nun stellen in vielen Oberliga-Spielstätten – auch wegen der mangelhaften Besucherzahlen – gewaltbereite Zuschauer eine gewichtige Gruppe dar. Wie sehr die Anarchie regiert, zeigt sich an diesem Abend im Europapokal der Landesmeister. Vor 11 000 Zuschauern spielt Dynamo gegen Roter Stern Belgrad. Die Lage ist aussichtslos. Dresden hat das Hinspiel 0:3 verloren. Als die Serben in der zweiten Halbzeit mit 2:1 in Führung gehen, wird es unruhig auf den Rängen. Es fliegen Steine, Raketen und Mülltonnen auf das Spielfeld. Hans-Uwe Pilz will beschwichtigen: »Aber wir kamen da gar nicht hin. Die warfen sogar mit Steinen auf uns.« Das Match wird in der 78. Minute abgebrochen.

18. Mai 1991, Dresden
Ralf Minge gibt eine rauschende Feier. Der 31-Jährige hat genug. Er hat sich eine Spielzeit lang geschunden. So viel Schmerzen, so viel Entbehrungen – alles für die Qualifikation von Dynamo zur Teilnahme an der Bundesliga. Jetzt feiert er in der »Linie 6« das Ende seine Spielerkarriere – und das offizielle Ende des DDR-Fußballs. Hansa Rostock hat überraschend das Double geholt. Traditionsklubs wie der 1. FC Magdeburg, Sachsen Leipzig und der FC Berlin treten den Gang in die Drittklassigkeit an.

3. August 1991, 15.58 Uhr, Rostock
Florian Weichert sprintet über den Platz im Ostseestadion. Eben hat Stefan Böger den Ball erobert. Vor Beginn der ersten gesamtdeutschen Bundesligasaison galt Hansa Rostock als sicherer Abstiegskandidat. Doch am ersten Spieltag segelt die Hansa-Kogge hart am Wind. Böger ist einen Schritt schneller als sein Gegenspieler Kay Friedmann. Der Ball kommt nach innen. Weichert grätscht hinein, ohne wirkliche Hoffnung, die Kugel noch zu erreichen.

Doch eine Laune des Schicksals lässt ihm in diesem Moment Flügel wachsen, er streckt sich, dehnt sich, geht auf volle Körperspannung. Bloß nicht drüber nachdenken. Weicherts Schuhsohle berührt den Ball und lenkt ihn ins Netz. 1:0 für Hansa Rostock gegen den 1. FC Nürnberg. Für Florian Weichert ist es das Tor seines Lebens. Hansa gewinnt mit 4:0. Deutschland ist eine Einheit. Und der Spitzenreiter der Bundesliga heißt für fünf Spieltage Hansa Rostock.

Für Momente blicken alle Augen im Land nach Osten. Da steht er, ein 21-jähriger Fußballspieler, ein Kfz-Schlosser aus Rostock, der seinen Traum lebt. Einen Traum, der keine zwei Jahre zuvor nichts als eine naive Utopie war. Der Traum vom Bundesligastar wird auch für Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Thomas Doll, Andreas Thom oder Dariusz Wosz wahr. Auch für Hans-Uwe Pilz – allerdings anders als er sich vorgestellt hat. Er spielt noch vier Jahre mit Dynamo im Oberhaus, ehe er 1995 – am Ende seiner Laufbahn – mit seinem Klub in die zweite Liga absteigt.

Andere kriegen vor dem Wechsel in den Westen plötzlich Manschetten. Als Reiner Calmund den Dresdner Ralf Hauptmann nach Leverkusen holen will, sagt dieser ab. Er fürchtet, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Rico Steinmann wechselt 1991 als neuer Star zum 1. FC Köln, doch der Chemnitzer fasst nie richtig Fuß. Er sagt: »So einen Konkurrenzkampf kannte ich aus der DDR nicht.« Sechs Jahre beim FC erlebt er zumeist aus der Perspektive des Edelreservisten.

Auch Florian Weicherts hoffnungsvolle Karriere stagniert nach einem Wechsel. Das letzte Quäntchen Selbstvertrauen, um sich beim HSV durchzusetzen, fehlt ihm. Der Druck ist zu groß. Weichert sagt: »Im Westen fing ich an, sogar unter Schmerzen zu trainieren. Im Osten hatten wir den Beruf Fußballprofi eben nicht gelernt.« Mit 30 zwingt ihn eine Knieverletzung zum Aufhören. 

An diesem Samstag im August 1991 aber scheint es, als sei die Freiheit vollends in der ehemaligen DDR angekommen. Als würde es hinterm Horizont immer weitergehen.