Wie DDR-Fußballer Mauerfall und Wende erlebten

»Herr Calmund, ich bin nicht käuflich«

5. Dezember 1989 Berlin/Köln
Frank Rohde und Andreas Thom fahren mit dem Taxi vom Jahnsportpark im Prenzlauer Berg nach Tegel. Vor drei Wochen noch ein Ding der Unmöglichkeit. Der BFC-Libero begleitet den umgarnten Stürmer nach Köln, wo Thom von Ulli Potofski für die RTL-Sendung »Anpfiff« interviewt werden soll. An Bord der Maschine ist ein alter Bekannter. Rohde: »Calli hat den Kleenen in Manndeckung genommen, der hat an Andy keine Luft mehr gelassen.« Calmund hat längst begriffen, dass Rohde großen Einfluss auf Thom besitzt. Im Westen geht der Manager mit den beiden Kickern in ein Sportgeschäft und beginnt, große Taschen zu füllen. »Herr Calmund, lassen Sie das, ich bin nicht käuflich«, zischt Rohde den bemühten Bayer-Funktionär an.

9. Dezember 1989, Berlin
DFV-Pressesprecher Jörg Neubauer sitzt im Wohnzimmer der Thoms in der Holzmarktstraße. Tina Thom hat ihm einen Kaffee gemacht. Gemeinsam warten sie auf die Rückkehr des BFC-Spielers aus Frankfurt/Oder, wo der Hauptstadtklub an diesem Abend sein Pokal-Viertelfinale mit 0:2 verloren hat. Als Andreas Thom nach Hause kommt, überbringt Neubauer die freudige Nachricht. Der DFV ist sich mit Bayer Leverkusen über eine Ablöse von 2,8 Millionen Mark einig geworden. Der Großteil der Summe wird an den BFC gehen, ein kleiner Teil dieser ersten Transfersumme in der Geschichte der DDR wandert in die Kassen des Gesundheitswesens. Unter die Freude mischt sich bei den Thoms auch ein Hauch von Abschiedsmelancholie. In drei Tagen wird der Deal im Grand Hotel mit den Bayer-Granden besiegelt. Nun gibt es kein Zurück mehr.

20. Dezember 1989, Dresden
Auf dem Platz vor der Frauenkirche hält Helmut Kohl eine gefeierte Rede. Ein Vorbote der baldigen Wiedervereinigung. Später am Abend sitzt der Kanzler mit den Spitzen des Bayer-Konzerns zusammen und drängt darauf, von den Transferplänen weiterer Spitzenspieler vorerst Abstand zu nehmen: »Überlegen Sie, was dies für Folgen für das Image der Bayer AG haben wird. Sie können die DDR nicht einfach so leerkaufen.«

22. Dezember 1989, Prien
Am Chiemsee hat Reiner Calmund seine Winterresidenz aufgeschlagen. Dorthin kommen Familie Kirsten und Matthias Sammer, die gemeinsam im Lada anreisen. In den Gesprächen kommt die Runde vom Ästchen aufs Stöckchen. Ulf Kirsten offenbart sogar, dass er als IM bei der Staatssicherheit geführt wird. Calmund interessiert die Vergangenheit der Spieler nicht, er führt keine moralischen Diskussionen.

Er deutet an, dass er wegen des Kohl-Erlasses von den Vorverträgen Abstand nehmen wird. Sammer gibt zu, dass er sich bereits mit dem VfB Stuttgart verständigt. Der Bayer-Manager macht im Beisein von Karnath und Kirsten eine Handbewegung, die das Zerreißen eines Papiers andeutet. Kirsten signalisiert, dass er gerne zum VfL Bochum wechseln würde.

26. Dezember 1989, Berlin
Der politische Wind hat sich gedreht. Auch den Fußballern des BFC bleibt das nicht mehr verborgen. Beim traditionellen Weihnachtsturnier in der Werner-Seelenbinder-Halle fühlt sich Frank Rohde fast wie Freiwild. Dass der Hauptstadtverein bei den Fans aufgrund seiner Verbindung zur Stasi in der DDR nicht beliebt ist, weiß der Abwehrspieler. Doch der Hass eskaliert an diesem Tag. Durch die Fangnetze werden die Spieler von Zuschauern bespuckt. »Stasi-Schwein« ist an diesem Tag eine der netteren Beleidigungen, die der Libero hört.

6. Januar 1990, Westdeutschland
Rainer Ernst landet am Düsseldorfer Flughafen. Der Berliner verhandelt seit einigen Wochen mit dem BVB. Manager Michael Meier empfängt den BFC-Kicker am Gate. Im Mercedes geht es nach Dortmund. Meier heizt mit 240 km/h über die Autobahn und fängt an, mit der rechten Hand das Autotelefon zu bedienen. Ernst wird Angst und Bange, sein am Berliner Flughafen geparkter Wartburg fährt nur 130. Er übernachtet im BVB-Mannschaftshotel und spricht dort mit Coach Horst Köppel. »Ich wollte raus, er wollte mich haben. Wir wurden uns schnell einig.« Der BFC-Spieler wird hofiert, schleckt mit Präsident Gerd Niebaum im Möwenpick ein Eis. Im Berliner Palasthotel soll in einigen Tagen der Deal perfekt gemacht werden.

10. Januar 1990, Berlin
In der »Bild« erscheint ein Interview mit Rainer Ernst. Darin gibt der wechselwillige Spieler zu Protokoll: »Ich habe viele meiner Tore auf Video. Und bei manchen Elfmetern muss ich im Nachhinein schmunzeln.« In den Augen der BFC-Bosse stellt Ernst damit die gewonnenen Meistertitel in Frage, denn mit seiner Aussage nährt der Spieler das Gerücht, Partien des Rekordmeisters seien regelmäßig manipuliert worden. Der BFC geht daraufhin nicht mehr auf das Angebot der Dortmunder ein. Ernst bekommt keine Freigabe erteilt. Statt sofort für rund 2,2 Millionen Mark zu wechseln, wird Ernst erst im Sommer für 750 000 Mark nach Kaiserslautern transferiert.

In diesen Tagen wird auch ein weiterer Ost-West-Deal perfekt gemacht. Nachdem Calmund Matthias Sammer aus Staatsräson aus seinen Verpflichtungen gegenüber Bayer 04 entlassen hat, unterschreibt der Rotschopf beim VfB Stuttgart. 1,8 Millionen Mark Ablöse nimmt eine Delegation von Dynamo in den Tagen darauf aus Stuttgart in bar in einer Tasche mit. Für Transaktionen dieser Art gibt es in der DDR weder ein geltendes Steuerrecht, noch entsprechende Konten. Weitere Abmachungen in dem Vertrag sind ein Abschiedsspiel für Sammer, das nie zustande kommen wird, sowie ein Mannschaftsbus für die Dresdner. VfB-Präses Gerhard Mayer-Vorfelder macht es sich leicht: Er schickt ein gebrauchtes Leasing-Fahrzeug mit bezahlten Raten für einen Zeitraum von drei Monaten. Weitere Raten gehen zu Lasten von Dynamo.

19. Januar 1990, Dresden
Hans-Uwe Pilz tritt zu einem Vertragsgespräch beim Dynamo-Vorsitzenden Alfons Saupe an. Dem 31-jährigen Mittelfeldspieler wird eröffnet, dass er bei den Planungen keine Rolle mehr spielt. Zu der Erkenntnis, dass nichts mehr wie vorher ist, kommen in diesen Tagen vor Rückrundenstart viele gestandene DDR-Spieler. Bis vor einigen Wochen lebten sie in dem Bewusstsein, dass sie nach der Karriere Klub- oder Verbandstrainer würden. Doch die überfallartige Marktwirtschaft zwingt sie zum Umdenken. Über Ulf Kirsten sucht »Champi« Pilz den Kontakt zu Wolfgang Karnath, der anfängt, den Markt für den ausgemusterten Leistungsträger zu sondieren. Jean Löring, Mäzen von Fortuna Köln, will ein Schnäppchen auf dem neuen Markt machen. Sein Trainer, Jupp Tenhagen, hält Pilz und dessen Teamkollegen Andreas Trautmann und Matthias Döschner für geeignet.

20. Februar 1990, Berlin
Der BFC Dynamo Berlin benennt sich in FC Berlin um. Mit dem Stasi-Image des BFC ist es schwer, Sponsoren an Land zu ziehen. Durch die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, dem Träger des Vereins, verliert der BFC seine Existenzgrundlage. Der Kapitalismus ist längst auch in der Oberliga angekommen. Überall im Land haben drei Tage vor Rückrundenstart Geldgeber – längst nicht nur seriöse – Zugang zu den Vereinen erhalten. Die Spieler der Top-Klubs bekommen nun auch harte Westwährung auf ihr DDR-Gehalt gezahlt: In Dresden erhält jeder Spieler ab dem Frühjahr 1000 D-Mark zusätzlich zum Einkommen. Auf der Brust wirbt das westdeutsche Versandhaus »Klingel« für eine sechsstellige Summe. Auch Rico Steinmann vom FC Karl-Marx-Stadt erhält in der Rückserie Geld von einem Sponsor. Mit seiner Frau zieht er aus der gemeinsamen Zweiraumwohnung in ein kleines Häuschen.

10. März 1990, Rostock
Uwe Reinders sitzt auf der Rückbank einer Limousine und fährt durch Rostock. Schon bald wird festgelegt werden: Durch die Zusammenführung der Oberliga und der Bundesliga können nur zwei DDR-Klubs das Oberhaus erreichen – fünf weitere qualifizieren sich für die zweite Liga. Das ist das Minimalziel für Rostock. Dafür braucht der Hansa-Vorsitzende Robert Pischke einen Trainer mit Bundesliga-Know-how. Bei den Verhandlungen lässt sich Reinders bauernschlau neben dem Grundgehalt auch eine Meisterschaftsprämie in den Vertrag schreiben. Pischke sagt: »Mensch, wir haben nicht nur einen guten, sondern auch einen lustigen Trainer geholt.« Reinders drängt desweiteren auf eine Prämie im Falle des Pokalsiegs und beim Triumph im Europapokal. Heute sagt er: »Die kannten sich mit Prämien überhaupt nicht aus, rechneten allenfalls mit einem Platz im Mittelfeld der Oberliga, also haben sie unterschrieben.«

April 1990, Autobahn Hamburg/Berlin/Dresden
Die A 24 ist eine Rennstrecke. Die Piloten an diesem Tag heißen Ralf Minge, Ralf Hauptmann oder Torsten Gütschow. Das Hamburger Autohaus Burmester spendiert Dynamo Dresden dreißig blaue »Audi 80«-Limousinen. Auf dem Fahrzeug aufgedruckt ist der Slogan: »Dynamischer geht’s nicht!« Das Motto für eine bessere Zukunft – oder schon das Pfeifen im Walde? Sogar die Nummernschilder sind einheitlich: Der Präsident fährt mit dem Kennzeichen DD-DY-1. Die Nummer DD-DY-4, die eigentlich dem Trainer vorbehalten ist, hat sich frech Torjäger Torsten Gütschow gesichert.

25. April 1990, Berlin/Dresden
Ulf Kirsten ist vor dem Absprung aus Dresden. Er steht nun bei Borussia Dortmund im Wort. Manager Michael Meier aber lässt sich Zeit bei den Verhandlungen. Er hat keine Eile, denn er hat die Zusage von Calmund auf ein Vorkaufsrecht. Am Tag nach dem Freundschaftsspiel der DDR in Schottland erhält »Calli« jedoch einen Anruf von Bayer-04-Präsident Gert-Achim Fischer: »Wir können Kirsten doch holen.

Die Konzernspitze gibt grünes Licht.« In Berlin-Schönefeld fängt der Bayer-Impressario den Nationalstürmer nach der Landung der Maschine aus Schottland ab und bugsiert ihn in ein Auto. Calmund weiß: »Jetzt spring ich in die Scheiße! Egal!« Auf der Autofahrt nach Dresden bearbeiten Calmund und Berater Karnath den Stürmer so lange, bis er von seiner Zusage beim BVB Abstand nimmt und in Leverkusen unterschreibt.

Kurz darauf stehen Dynamo-Manager Dieter Kießling und Busfahrer Rainer Nikol im Rheinland auf der Matte. Sie holen 3,75 Millionen Mark Ablöse in bar auf der Bayer-Geschäftsstelle ab. Noch eingeschweißt liefert ein Security-Service die Scheine in Calmunds Arbeitszimmer an. Kießling erinnert sich später: »Wir transportierten das viele Geld im Audi 80 durch Deutschland. Mir stehen noch heute die Schweißperlen auf der Stirn.«

28. April 1990, Köln
Reiner Calmund besucht eine Sport-Gala in Köln. Im Moment gelingt ihm einfach alles. Bei der Tombola gewinnt die rheinische Frohnatur ein Auto. Als er dort BVB-Manager Michael Meier trifft, feuert der ehemalige Klosterschüler eine Kanonade aus Schimpfwörtern auf ihn ab, dass selbst dem sonst so redseligen Geschäftsmann für einen Moment die Spucke wegbleibt. Calmund aber gibt zu: »Im umgekehrten Fall wäre es nicht beim Tobsuchtsanfall geblieben. Ich hätte die Türen der Geschäftsstelle eingetreten und wäre handgreiflich geworden.«

26. Mai 1990, überall in der DDR
Die vorletzte Oberliga-Saison der Geschichte endet. Das Double holt Dynamo Dresden. Die Westvereine haben sich im Osten reichlich bedient. Nach der Saison verlassen Matthias Sammer, Ulf Kirsten, Hans-Uwe Pilz, Andreas Trautmann und Matthias Döschner Dynamo gen Westen. Uwe Weidemann aus Erfurt kickt fortan beim 1. FC Nürnberg, Dirk Schuster verlässt Magdeburg zugunsten von Eintracht Braunschweig. Der FC Berlin wird in Zukunft ohne Frank Rohde und Thomas Doll auskommen müssen, die zum HSV wechseln. Rainer Ernst spielt ab der kommenden Saison beim 1. FC Kaiserslautern. Rico Steinmann vom Vizemeister FC Karl-Marx-Stadt kann nur durch eine deutliche Gehaltsaufbesserung im Osten gehalten werden.

28. Mai 1990, Rostock
Ehe die Treibjagd der West-Manager auf weitere Spieler beginnt, will Hansa Rostock seine jungen Talente mit Verträgen ausstatten. Einer nach dem anderen wird vom Trainingsplatz in das Büro des Vorsitzenden Pischke gerufen. Florian Weichert hat seinen Termin um 10 Uhr morgens. Pischke bietet ihm 2500 D-Mark monatliches Grundgehalt an. Eine Menge Geld für den gelernten Kfz-Mechaniker.

Als der Klubchef merkt, dass der Jungstar zaudert, zückt er ein Bündel Geldscheine und legt nach und nach Tausender auf den Tisch: »Und wenn du diesen Ein-Jahres-Vertrag jetzt direkt unterschreibst, kriegst du noch ... acht-, neun-, zehntausend Mark obendrauf.« Weichert unterzeichnet. Am nächsten Tag fährt er mit dem Bargeld und seinem DDR-Sparbuch im Trabant des Schwiegervaters nach Lübeck zu einem Autohändler. Da steht ein weißer Peugeot 309 auf dem Parkplatz. 12 000 Mark. Weichert handelt nicht, er zahlt gleich in bar.

2. Juli 1990, Rostock
Auf dem Gelände von Hansa Rostock an der Kopernikusstraße stellt sich die Mannschaft wie gewohnt bei Trainingsbeginn in einer Reihe an der Außenlinie auf. Tags zuvor hat Uwe Reinders seinen Dienst an der Ostsee angetreten. Er fragt Co-Trainer Jürgen Decker, was das zu bedeuten habe. Der sagt: »Trainer, die warten auf Sie.« In der DDR ist es üblich, eine Übungseinheit mit dem Sportgruß zu beginnen. Reinders soll an das Team gewandt rufen: »Wir beginnen unsere Übung mit einem einfachen Sport …« Die Spieler vollenden daraufhin mit: »… frei!« Reinders betritt den Rasen und mustert seine brav aufgereihte Mannschaft. »Ist hier irgendwo ein General in der Nähe, oder was?«, raunzt der 35-Jährige. In Zukunft laufen Trainer und Mannschaft gemeinsam auf den Trainingsplatz, in eine Reihe stellt sich niemand mehr.

17 Uhr. Trainingsende. Reinders ergreift das Wort: »Gut trainiert. Jetzt lasst euch behandeln, geht duschen und in die Sauna. Um 19 Uhr könnt ihr nach Hause.« Kapitän Juri Schlünz sieht sich zu einer Antwort gezwungen: »Trainer, ich muss bis 18 Uhr mein Kind abholen, meine Frau hat Spätschicht.« Der Westdeutsche versteht die Welt nicht mehr, zumal Schlünz beileibe kein Einzelfall ist: »Das ändert sich ab morgen. Sagt zuhause Bescheid, ab heute verdient ihr das Geld. Eure Frauen brauchen nicht mehr arbeiten zu gehen.«

Noch steht die Mannschaft durchgeschwitzt auf dem Platz. Reinders sagt: »Männer, von nun an bin ich Tag und Nacht für euch da. Ihr könnt mich jederzeit anrufen, hier ist meine Nummer.« Wieder tritt Juri Schlünz vor: »Ich muss noch was beichten.« Die meisten aus der Rostocker Mannschaft besitzen kein Telefon.