Wie das Ägyptische Regime den Afrika Cup nutzt

Fußball als Spielfeld der Politik

Für das heute beginnende Turnier werde man den Zugang der Fans zu den Stadien wieder ermöglichen, kündigte der Verband nach der Vergabe an. Dafür arbeite man mit dem Ministerium für Verteidigung und Militärproduktion zusammen. Ohne Fans keine schönen Bilder, ohne schöne Bilder keine Imagepolitur.

In Ägypten ist der Fußball nicht das berühmte Abbild der Gesellschaft, er ist Schlacht- und Spielfeld der Politik. Die historischen Verbindungen von Politik und Fußball reichen weit zurück. Oder vielleicht besser: die historische Aneignung des Fußballs durch die Politik. Nach dem Sturz der Monarchie 1952 wurde der Offizier und Präsident Gamal Abdel Nasser Ehrenpräsident von Al-Ahly. Der Fußballverband wurde mit Vertrauten und Gewogenen des Militärs durchsetzt. Die Politik nutzte den Sport zur Profilierung und Kontrolle. Dann kamen die Ultras, kleine Gruppen hatten wenig später tausende Mitglieder. Die Stadien waren die letzten Freiräume des Landes. Aber nicht lange.

Zunächst wurden Polizeitaktiken im Stadion getestet, bevor sie außerhalb zur Anwendung kamen. Im Arabischen Frühling wurden sie dann auch außerhalb der Arenen gegen Ultras eingesetzt, als diese die Revolution prägten und anführten. Der Politisierung des Fußballs hat das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil.

Nationalspieler als Terroristen

Der ehemalige Nationalheld Mohamed Abutreika, hundertfacher Nationalspieler und Afrikameister 2006 und 2008 mit Ägypten, lebt heutzutage im Exil. Er gilt der Regierung als Anhänger der Muslimbrüder – also als Terrorist. 

Als sich die Nationalmannschaft 2017 zum ersten Mal seit 1990 wieder für eine Weltmeisterschaft qualifizierte, empfing Präsident Al-Sisi das Team und Superstar Mohamed Salah und verwischte die Grenzen zwischen fußballerischem und politischem Erfolg. 

Bei der WM in Russland dann bezog die Mannschaft ihr Quartier in Grosny, in der autonomen Teilrepublik Tschetschenien. Medienwirksam inszenierte sich Ramsan Kadyrow, deren Präsident, als großzügiger Gastgeber, besuchte das Training und ließ sich mit Salah ablichten, den er auch zum Ehrenbürger Grosnys erhob.

Das Regime bekommt, was es will

Apropos Salah: Bei der Präsidentschaftswahl 2018, als Al-Sisi im Amt bestätigt wurde, nachdem er fast alle Gegenkandidaten ins Gefängnis geworfen oder anders mundtot gemacht hatte, wählten fast eine Million Ägypter Liverpools Flügelstürmer. Sie strichen den Wahlzettel durch und schrieben seinen Namen darauf.

Trotz aller negativer Vorkommnisse, trotz der Toten, trotz der politisch-militärischen Aneignung des Sports hat der Fußball in Ägypten immer noch den Stellenwert, auf den sich das Regime jetzt stützt. Auf den es setzt, wenn es hofft, sich als demokratisch und weltoffen zu inszenieren, und ihr Land als sicher und stabil.

Und es hofft berechtigtermaßen. Die Ultras der großen Kairoer Klubs Zamalek und Al-Ahly haben sich aufgelöst, der konterrevolutionäre Putsch hat die Revolution besiegt. Die Macht ist unangefochten, Gegner schweigen aus Angst, gehen ins Exil oder sitzen im Knast. Ägypten und Afrika dürften in den nächsten Wochen ein Fußballfest feiern, das Regime bekommt, was es will. Somit geht der Dank nicht nur vom Verband an die Regierung, sondern auch umgekehrt. Aber wirklich trennscharf sind beide in Ägypten ebenso wenig wie Politik und Militär.