Wie das 1:7 Brasilien traumatisiert hat

Der Mythos

Renato und Rodrigo Paiva, das kann man so sagen, stehen mit ihren Gefühlen stellvertretend für eine ganze Nation: Renato, der Zyniker, der das sete a um, das Sieben zu Eins, eine Schande nennt. Rodrigo Paiva, der Traumatisierte, der am liebsten vergessen würde. Sinnbilder einer Fußballnation, die am 8. Juli 2014 durch den Häcksler gejagt wurde. Der Deutsche möchte sich an den Kopf fassen. »War doch nur ein Spiel, macht aus der Mücke keinen Elefanten!«, will er hinüberrufen über den großen Ozean. Der Banalität des Sieges wegen. Und weil er nach seinem Schlaaand-patriotischen Vollrausch am nächsten Morgen einfach eine Aspirin in den Zahnputzbecher gebröselt und sich auf dem Weg zur Arbeit am Bahnhofsaufsteller noch schnell die historische »Ohne Worte«-Bildzeitung gekauft hat, um danach einfach weiterzuleben, als wäre nix gewesen. 

Brasilien ist nicht Deutschland. Sete a um ist nicht Sieben zu Eins. Letzteres sind zwei Zahlen, die nüchtern hintereinandergereiht ein für ein WM-Halbfinale absurd hohes Endergebnis ergeben. Sete a um ist, ja, was eigentlich? Eine Schande? Ein Trauma? Das sportliche 9/11 einer Nation, die sich dem Ballspiel verschrieben hat? Keiner, der keine Antwort auf die »Wo warst du, als es passierte?«-Frage parat hätte. Keiner, der nicht wüsste, wo er guckte, was er trank, an wem er sich festkrallte, als Müller, Klose, Kroos, Khedira, Schürrle die Seleçao zerlegten wie Jäger einen geschossenen Hirschen.

Wir haben uns auf die Suche gemacht, nach Narben, nach Zeugen, nach Überlebenden eines Anschlags ohne Tote. Es ist ein Versuch zu verstehen, was am 8. Juli 2014 wirklich passiert ist, was dieser Tag mit Brasilien gemacht hat und was sete a um für seine Bewohner bedeutet. Ein Roadtrip durch drei Städte, durch Cafés, Arztpraxen und Brauereien. Eine Reise durch die Zeit, hinein in die Seele des brasilianischen Fußballs. 

Der Anruf

Alles beginnt mit einem Anruf, der erklärt, wie ernst die Sache wirklich ist. Estavao ist dran, der Berater von Fred. Jenes Nummer-9-Stürmers, den sie in den brasilianischen Medien nur spöttisch o cone nannten, den Kegel. Und dem sie am liebsten das sete a um und die ganze verkackte WM in die Fußballschlappen geschoben hätten. Jenen Fred hatten wir für ein Interview angefragt. Und jetzt ist also der Berater am Telefon mit der Stimme eines Tatortkommissars, der an der Türschwelle die Botschaft vom Tod des Ehemannes überbringt. 

»Sorry, mein Freund, ich habe schlechte Nachrichten.« – „Er will nicht reden?« – »Es ist noch zu früh. Das war wahrscheinlich der größte Schock seiner Karriere. Vielleicht versuchst du es nach Karriereende noch mal, ja?« 

Eine Antwort, die einen als Reporter gefühlsverwirrt zurücklässt: der Frust über das geplatzte Interview, gleichzeitig das unbedingte Bedürfnis, tiefes Mitgefühl auszudrücken. »Können Sie Fred einmal fest drücken von mir?« – »Geht klar.«

Der Text ist ein Auszug aus unserer zehnseitigen Reportage »Nach dem Beben«, die im neuen 11FREUNDE SPEZIAL »Die andere Geschichte der WM« erschienen ist. Jetzt am Kiosk oder bei uns im Shop. Digital könnt ihr sie hier (iOS) oder hier (Android) lesen.