Wie das 1:7 Brasilien traumatisiert hat

Nach dem Beben

7:1! Sete a um! Heute vor fünf Jahren fegte die DFB-Elf wie ein Orkan über die Selecao. Bis heute haben sich die Brasilianer nicht davon erholt. Eine Reise durch ein traumatisiertes Land.

Paul Lehr
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WM Spezial

Das Tor für Deutschland ist dunkelgold, schaumig und kommt in einem 0,33-Liter-Plastikbierbecher. »Und, wie schmeckt’s?«, fragt der Mann.

Er steht in einer zur Brauerei umfunktionierten Lagerhalle am Stadtrand von Belo Horizonte. Inmitten eines Dutzends glucksender Biersilos, die auf ihn herunterglotzen wie silberglänzende Orks. Ein Mann Mitte 40, Zehn-Tage-Bart, die dunkelbraune Schiebermütze ins Gesicht gezogen, den Kopf zur Seite gelegt, der, ungeduldig auf eine Antwort wartend, mit den Füßen tippelt. »Bitter«, sagt der Reporter schließlich. »Bitter! So soll es sein!«, ruft der Mann, der Renato heißt. Grinst zufrieden, ein mattgelbes Kettenrauchergrinsen. Bitter, genau wie die Niederlage!

Zwanzig Minuten sind es von hier mit dem Auto bis nach Mineirao, dem größten Fußballstadion im Bundesstaat Minas Gerais. Dreieinhalb Jahre bis Mineiraco. Der Schande von Belo Horizonte. Deutschland gegen Brasilien. Sieben zu eins. Renato hat sie zu einem Bier verarbeitet und es Gol da Alemanha genannt: 7,1 Prozent Alkohol, 71 IBU Bitterkeit, sieben Zutaten aus Deutschland – das Wasser kommt aus Brasilien.

»Ja, mein Freund, du hast recht: Es ist ein Trauma!«

In einem Café in Rio de Janeiros Nobelstadtteil Leblon sitzt ein Mannsbild von Kerl vor einem Teller Curry-Tofu und ringt mit den Tränen. Die graue Dauerwelle klebt nass an den Schläfen, das elfenbeinweiße Tom-Cruise-Grinsen ist verwischt wie das einer Wachsfigur unterm Bunsenbrenner. Das Display am Straßenstand zeigt: 16.07 Uhr. 37 Grad.

»Niemand wird jemals vergessen. Wir sind für immer gebrandmarkt.« Sagt Rodrigo Paiva. Der muss es wissen, 13 Jahre war er Pressesprecher der brasilianischen Nationalmannschaft. Romario hat er gebrieft für die Journalisten, Rivaldo, Ronaldinho, Kaka. Bei Ronaldo, dem echten, hat er auf der Couch gewohnt. Felipe Scolari ist ein guter Freund. 2002 sind sie zusammen Weltmeister geworden. »Und doch wird mein Sohn in 40 Jahren seinen Söhnen nicht erzählen: Euer Opa ist einst in Japan Weltmeister geworden. Nein, er wird sagen: Euer Opa war dabei, als das sete a um passiert ist.«

Männer und Frauen mit Marvel-Comic-Körpern und fast nichts an rennen am Café vorbei zum Strand. Irgendwo bellt eine Töle gegen die Heißluft an. Paivas Augen sind rot geworden vom ganzen Erinnern. »Ja, mein Freund, du hast recht: Es ist ein Trauma!«