Wie Chicharito Bayer Leverkusen zu weltweitem Glanz verhalf

Die goldene Erbse

Wer sich dieser Tage mit Amerikanern oder Mexikaner über Fußball unterhält, sollte sich mit Leverkusen auskennen. Der Klub ist jenseits des Atlantiks so beliebt wie kaum ein anderer.

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Neulich waren wir auf einer Reportagereise in Kalifornien. Es ging um einen Fußballklub mit dem komplizierten Namen Club Tijuana Xoloitzcuintles de Caliente, der zumeist nur Xolos genannt wird, was uns durchaus zupass kam, da wir uns schon beim ersten Versuch, den richtigen Namen auszusprechen, die Zunge gebrochen hatten.
 
Wir starteten unsere Recherchen in San Diego, denn dort, so heißt es, gibt es die meisten Fußballfans in den USA. Die Stadt sei eine Art Soccer-Melting-Point, was auch dadurch zu erklären ist, dass viele Mexikaner oder Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln in San Diego leben. Weit über 30 Prozent sollen es sein.
 
Während der Weltmeisterschaften zeigt sich die Fußballleidenschaft in San Diego besonders gut: Keine andere Stadt hat bei den Spielen höhere Einschaltquoten.
 
Umso erstaunlicher ist es, dass MLS-Fußball keine große Rolle spielt, was vor allem daran liegt, dass San Diego absurderweise keine eigene Profimannschaft hat. Aber es gibt halt die Xolos – und es gibt zahlreiche Pubs, in denen europäischer Fußball gezeigt wird: Premier League, Primera Division, Champions League – und auch Bundesliga.
 
Wenn man mit den Einheimischen ins Gespräch kommt, geht es allerdings selten um Robert Lewandowski und Bayern München. Auch nicht um Pierre-Emerick Aubameyang und Borussia Dortmund. Es geht fast immer um: Bayer Leverkusen und Javier Hernandez, Chicharito, die kleine Erbse.

»Du bist Deutscher? Chicharito! Bayer Leverkusen!«
 
»Ist Bayer besser als Bayern?«, wollen die Fußballfans wissen. Oder sie fragen: »Welches war dein Lieblingstor von Chicharito?« Und: »Wie gut spricht die Erbse schon deutsch?« Einmal stimmte jemand sogar ein Lied an, das, sofern wir es richtig verstanden, von einer kleine Erbse, Tacos und Fußball handelte.
 
In Tijuana war es noch extremer. »Du bist Deutscher? Chicharito! Bayer Leverkusen!« Dabei kommt der kleine Stürmer nicht aus Tijuana, nicht mal aus Baja Calafornia, er ist in Guadalajara aufgewachsen. Er spielte für die lokalen Klubs Chivas und für Deportivo. Und er machte so viele Tore, dass bald Manchester United auf ihn aufmerksam wurde. Er spielte danach noch eine Saison auf Leihbasis bei Real Madrid, ein okayer Stürmer, der seine Tore machte, aber eben keine Maschine, die sie in diesen Mannschaften sonst so gerne im Sturm sehen.
 
Manchmal amüsierten sie sich in seiner neuen Heimat auch ein bisschen über ihn, denn er war so gläubig, dass selbst die ehrfürchtigen Brasilianer neben ihm aussahen wie Atheisten. Die »Süddeutsche Zeitung« zählte mal, wie häufig Chicharito in einem 44-minütigen Radiointerview das Wort Gott unterbrachte: Sie kam auf 23 Mal.
 
Sechs Millionen Follower!

Als er im September zu Leverkusen wechselte, war der Rummel groß. Die Klub-Homepage wurde in die Knie gezwungen, zu viele Fans griffen am Tag der Verpflichtung auf die Seite zu. Es war nicht sonderlich verwunderlich, denn Chicharito hatte kurz zuvor seine sechs Millionen Twitter-Follower wissen lassen, dass er fortan für diesen deutschen Klub namens Bayer 04 Leverkusen spielen würde. Sechs Millionen! Zum Vergleich: Mario Götze und Thomas Müller kommen zusammen nicht mal auf diese Zahl.
 
Wegen dieses Hypes mussten sich die Leverkusener anfangs auch ein bisschen was anhören. Chicharito, so raunten die Kritiker, sei nichts weiter als eine Art Werbemaskottchen für den lateinamerikanischen Markt. So was kannte man ja, europäische Fußballklubs schauen auf die größten Absatzmärkte und holen dann mittelmäßige Spieler aus Japan oder Südkorea. Bald werden indische Spieler folgen. Hauptsache Millionen, nein Milliarden werden bald ihre Trikots durch die Welt tragen.
 
Und auch wenn Chichirito eine andere Qualität hat als, sagen wir, Naohiro Takahara, so schien er doch eher einer von diesen Stürmern zu sein, der seinen kleinen Zenit bereits früh schon überschritten hatte. Oder hatte er jemals wieder so gut gespielt wie 2010/11, in seiner ersten Premier-League-Saison, als er 13 Tore für Manchester United schoss.