Wie Carlo Ancelotti in Neapel seinen Ruf wiedererlangt

Wie Ancelotti Neapels Fußball weiterentwickelte

Wie bei all seinen Stationen verzichtete Ancelotti auf taktische sowie personelle Revolutionen und nahm nur gezielte Anpassungen vor. »Ich habe hier eine sehr starke Mannschaft vorgefunden«, sagte der neue Trainer bei »Dazn Italia«. »Sarris Arbeit war fundamental für die Entwicklung des Vereins.« Das typische 4-3-3 der vergangenen Spielzeiten wandelte er in ein 4-4-2 um, von dem besonders Lorenzo Insigne profitiert. Der gebürtige Neapolitaner spielte vorher als Linksaußen und ist nun als zweiter Stürmer neben Arkadiusz Milik oder Dries Mertens mit allen Freiheiten ausgestattet. Dadurch bekommt er den Ball meist näher am Tor, was seine Chancenverwertung deutlich verbessert hat. Am Fokus aufs Flachpassspiel hat sich bei Napoli unter Ancelotti nichts geändert, die Mannschaft sucht in dieser Saison aber früher die Tiefe und die Angriffe werden schneller abgeschlossen.

Bittere Erfahrungen mit Bayern

Auch wenn Napoli in der Champions League hauchdünn an Paris St. Germain und Liverpool gescheitert ist, könnte die Stimmung rund um den Verein und bei Ancelotti kaum besser sein. Der Trainer ist viel lockerer als in seiner Münchner Zeit. Damals quälte er sich mit gebrochenem Deutsch durch die Pressetermine, an der Seitenlinie wirkte er irgendwann ratlos und selbst seine größte Stärke, der Umgang mit großen Spielern und ihren mindestens genauso großen Egos, kam nicht zur Geltung.

Lange hat Ancelotti über die nach eigenem Bekunden »einzige bittere Erfahrung« seiner Karriere geschwiegen. So vom Hof gejagt wie in München wurde er nur Anfang der 2000er Jahre bei Juve und teilweise musste man sich anhand der heftigen Kritik fast schon fragen, wie solch ein Trainer, der angeblich keinen Wert auf Taktik und Trainingsintensität legt, drei Mal die Champions League gewinnen konnte. »Bei Bayern haben mich vor einem Jahr nur fünf Spieler unterstützt«, sagte Ancelotti im Herbst. »Der Verein hatte damals nicht den Willen, die Strukturen zu ändern und den Generationenwechsel voranzutreiben.« Die Probleme der Münchner in dieser Saison unter Niko Kovac deuten darauf hin, dass Ancelotti damit nicht ganz unrecht hat.

Ein anderer Ancelotti

In Neapel erlebt man nun einen anderen Carlo Ancelotti. »Einer der Gründe, warum ich nach Italien zurückgekommen bin, ist die Sprache. Psychologisch macht es einen riesigen Unterschied aus, die eigene Sprache zu sprechen«, sagte Ancelotti, der wieder mehr scherzt und lacht – natürlich immer mit markant nach oben gezogener Augenbraue. Wenn nötig, bezieht er aber auch zu schwierigen Themen Stellung. Nachdem sein Abwehrchef Kalidou Koulibaly vor einigen Wochen im Auswärtsspiel bei Inter Mailand fast durchgängig rassistisch angefeindet wurde, kündigte er an, seine Mannschaft beim nächsten Mal vorzeitig in die Kabine zu schicken. »Im schlimmsten Fall sollen sie uns das Spiel doch als verloren werten«, sagte Ancelotti.

Auch mit solch einer Drohung kommt er gut an in Neapel, das Autoritäten traditionell skeptisch gegenübersteht und sich oft von den in Norditalien und Rom ansässigen Mächten benachteiligt sieht. Seine kulinarischen Vorlieben haben sich übrigens schnell herumgesprochen. Gleich mehrere bekannte Lokale haben inzwischen eine »Pizza Ancelotti« im Angebot – natürlich weich, ganz wie der Mister sie mag.