Wie Berlin die Weltmeister feiert

»Wir sind alle Weltmeister«

Kurz nach 13 Uhr, viele Menschen warten inzwischen seit sechs Stunden, ist hinter dem Brandenburger Tor der Bus angekommen. Wowereit hat nun ein Trikot unter seinem Sakko an, die Spieler tragen sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Zwei junge Männer haben einen Ampelmast erklommen, der Einpeitscher pfeift sie zurück, »sonst kommt hier kein Spieler auf die Bühne«.

ARD und ZDF übernehmen die Regie und bitten zuerst das Trainerteam auf die Bühne. Joachim Löws Assistenten schubsen den Bundestrainer nach vorn. Was der 54-Jährige im Interview erzählt, interessiert niemanden wirklich, seine Stimme wird von »Jogi Löw«-Sprechchören und »Fußballgott, Fußballgott«-Gesängen übertönt. »Wir sind alle Weltmeister«, sagt Löw noch, er kämpft sichtlich mit den Tränen, dann versteckt er seine Augen wieder hinter einer Sonnenbrille.

Kontrollverlust

Bis dahin wirkt die ganze Feier immer noch ein bisschen steif. Wie kann eine dampfende, schwitzende Menge bei dröhnender Musik so wenig Euphorie, so wenig Exzess ausstrahlen? Das ändert sich, als die Spieler nach und nach auf die Bühne kommen. Man merkt den Fußballern an, dass sie schon seit zwei Tagen feiern, die sonst so disziplinierten Profis albern, tanzen, grölen, hüpfen wild durcheinander. Klose, ansonsten am Mikrofon stets mit schleppender Stimme, hebt zu einem Spottgesang auf die Argentinier an. Schweinsteiger und Draxler machen sich über den vermeintlich disziplinlosen Großkreutz lustig. Ersatztorwart Weidenfeller berichtet, dass er sich nach dem Tor im Finale im Jubeltaumel plötzlich mitten auf dem Spielfeld wiedergefunden habe.

Auch die Fans leisten sich nun einen Kontrollverlust, schwenken Fahnen wie von Sinnen, hechten kreischend nach den Bällen, die die Fußballer in die Menge schießen. Mario Götze, der Torschütze vom Finale im Maracana, sagt auch noch ein paar Worte. Götze ist 22 Jahre alt, auch er war 1990 noch nicht geboren. Insofern spricht Götze wohl für viele Anwesende, als er den WM-Titel, die Feier auf der Fanmeile und den ganzen Tag als »ein Ding der Geschichte« bezeichnet.

»Ein Hoch auf uns«

Natürlich wird noch einmal der WM-Song »Ein Hoch auf uns« des Sängers Andreas Bourani zum Besten gegeben, in dem es heißt: »Auf jetzt und ewig, auf einen Tag Unendlichkeit«. Für die Kinder, die vor ihm auf den Schultern ihrer Väter sitzen, ist Mario Götze der erste WM-Held. Niemand kann sagen, wann Deutschland wieder eine Fußball-Weltmeisterschaft gewinnt, wie alt diese Kinder dann sein werden, wie endlich oder unendlich diese Feier und dieser Titel sind.

Drei Mädchen, anscheinend auf Klassenfahrt, strahlen sich an, als sie die Fanmeile verlassen. »Ich hab' ein Foto von Müller gemacht!«, sagt eine. »Ich zittere, guck mal, ich zittere!«, die andere. Die Dritte sagt: »Einmal in Berlin - und dann das! Wie viel Glück kann man haben?«