Wie Berlin die Weltmeister feiert

Sogar die JVA-Insassen winken

Die Werbung scheint niemanden ernsthaft zu stören. In Stadien im ganzen Land wehren sich Fußballfans gegen die Kommerzialisierung ihres Sports, die Besucher der Fanmeile sind seit der Heim-WM 2006 und dem einsetzenden Fußball-Boom damit sozialisiert worden. Sie stören sich nicht daran, dass über die Lautsprecher »Three Lions on a shirt« dröhnt, die Hymne der englischen Nationalmannschaft. Sie feiern, dass der Österreicher DJ Ötzi auf der Bühne »Ein Stern, der Jogis Namen trägt« singt und danach ein Song des Schweizers DJ Bobo gespielt wird. Solange ein Lied Stimmung macht, wird es angenommen.

Die Nationalmannschaft hat inzwischen einen Bus bestiegen, in Moabit haben sie das Gefährt gegen eine Cabrio-Version getauscht. Die Kamera eines Hubschraubers überträgt, wie sich das Team Richtung Fanmeile in Bewegung setzt. An der Justizvollzugsanstalt Moabit winken die Insassen aus den Fenstern, der Bus wird immer langsamer, weil immer mehr Leute an den Straßenrändern stehen.

Das Wir-Gefühl als Botschaft des Titelgewinns

»Wenn man Berlin so aus der Luft sieht, erkennt man erst, wie schön die Stadt angelegt ist«, sagt ein Mann, weißes Trikot, zu seinem Nachbarn, rotes Trikot. Die beiden kennen sich nicht, stehen mittlerweile aber seit fünf Stunden nebeneinander. Von oben sieht bestimmt auch die Fanmeile gigantisch aus, mit Abstand kann auch der WM-Titel noch mehr Bedeutung bekommen. Wird er in einigen Jahren so aufgeladen sein wie der von 1954? Wird er so verklärt werden wie der Wiedervereinigungstraum von 1990?

Was bedeutet er, dieser WM-Titel 2014? Muss ein Fußball-Erfolg etwas bedeuten?

»Was wäre eigentlich, wenn wir alle hier uns aus einem anderen Grund zusammenschließen würden?«, fragt der Mann im roten Trikot den im weißen Trikot. »Um etwas zu erreichen. Wenn wir sagen, nächste Woche treffen wir uns wieder hier.« Dass das nicht nicht passieren wird, wissen beide. Aber das Wir-Gefühl, das die Mannschaft in Brasilien getragen hat und auch auf der friedlichen Fanmeile zu herrschen scheint, könnte tatsächlich zu so etwas wie der Botschaft des Titelgewinns werden.

»Das sind die Argentinier, die fliegen nach Hause«

Während der Cabrio-Bus weiter nur langsam vorankommt, hat der Jumbo des deutschen Teams in Tegel noch einmal abgehoben und dreht eine Schleife über Berlin. Von unten sieht das Flugzeug wahnsinnig massiv und gleichzeitig schwerelos aus. Alle Köpfe auf der Fanmeile gehen noch einmal nach oben, auf vielen Gesichtern liegt ein Lächeln. Unglaublich, dass so etwas Schweres fliegt. Unglaublich, dass ein so schweres Land sich manchmal so leicht fühlen kann. Dann brüllt der Einheizer: »Das sind die Argentinier, die fliegen nach Hause.«

Die Laune des strengen Ordners hat sich inzwischen gebessert, er spritzt Wasser aus einer Plastikflasche in die überhitze Menge und filmt die Bühne mit seinem Handy. Kurz nach 12 Uhr entdeckt irgendjemand Miroslav Kloses Zwillingssöhne Noah und Luan auf der Vip-Tribüne, Zehntausende Köpfe drehen sich, wieder gehen Kameras und Smartphones in die Höhe. Die beiden Neunjährigen lächeln unsicher, als die Zuschauer ihren Vater feiern und die beiden zur La Ola auffordern.