Wie Argentinien Maradona vergöttert

Sie nennen ihn D10S

»Er hat den Fußball wieder und der Fußball ihn«, schluchzte Günter Netzer. Maradona ist zurück auf der Weltbühne. Doch für die Argentinier ist er nicht nur Nationaltrainer. Er ist der geliebte Sohn, Heilsbringer – und Gott. Wie Argentinien Maradona vergöttertImago Es gibt Fußballer, die gut sind, sehr gut, sogar supergut. Im Spiel zweier gleich starker Mannschaften machen sie den Unterschied aus. Ribéry ist so einer. Diego, wenn er in Topform ist. Auch für van der Vaart galt das in seiner Hamburger Zeit. Doch wenn die zehn anderen um sie herum neben der Kappe sind, dann können auch sie nichts ausrichten. »Schönwetterfußballer«, nennt man sie leichtfertig, dabei können sie einfach nicht mehr leisten, als das Kollektiv ihnen erlaubt.

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Doch es gibt auch solche, denen kann es so gut wie egal sein, wer neben ihnen aufläuft. Sie heben die gesamte Mannschaft Kraft ihrer eigenen Leistung weit über das Niveau des Einzelnen. Sie können buchstäblich ein Spiel allein gewinnen – durch ihre Genialität, die eine zündende Idee, die zum Siegtreffer führt, durch die emotionale Bindung, die ihre Mitspieler zu ihnen als ihren Anführern haben, und nicht zuletzt durch die Angst, die der Gegner vor ihnen hat und die ihn lähmt.

Andrade, di Stefano, Pelé, Beckenbauer, Zidane – und Maradona


Man nennt so etwas zusammenfassend Charisma – die Spieler, die es wirklich hatten, waren rar gesät. José Andrade hatte es wohl, der 1928 Olympiasieger und 1930 Weltmeister mit Uruguay wurde, Real Madrids Spielmacher Alfredo di Stefano, der Brasilianer Pelé, Beckenbauer, Zinedine Zidane – und Maradona.

Aber während Andrade verarmt, erblindet und vergessen 1957 in einem Armenhaus in Montevideo starb, di Stefanos Kunst nur noch vom Hörensagen bekannt und er zum großväterlichen Händeschüttler bei Real geworden ist, Pelé zum windigen Fußballunternehmer und Beckenbauer zur sprechenden Puppe seiner selbst verkamen und Zidanes Taten noch zu nah sind, um ihre Wirkung abschätzen zu können, weiß man von Maradona: Sein Charisma ist auf unvorstellbare Weise immer weiter gewachsen.

1986 besiegte er im Viertelfinale der WM durch zwei Tore die Engländer. Wirklich nur er war es, der sie besiegte, denn das erste (illegale)  Tor war ebenso eine genialische Einzelaktion wie das zweite (legale) nur vier Minuten später. Seine Kameraden konnten nur zuschauen, staunen und hoffen. Maradona enttäuschte sie nicht, er war der Heilsbringer, der die Mannschaft an England und auch Belgien vorbei zum Titelgewinn gegen Deutschland trug.




»Über die Geltung des Charisma entscheidet die durch Bewährung – ursprünglich stets: durch Wunder – gesicherte freie, aus Hingabe in Offenbarung, Heldenverehrung, Vertrauen zum Führer geborene, Anerkennung durch die Beherrschten«, schreibt Max Weber in »Wirtschaft und Gesellschaft«. Mitte der 80er Jahre traf diese Definition auf Maradona ohne Aussparung zu: Die Argentinier liebten diesen Mann. Sie nannten ihn »D10S«, den Gott mit der Rückennummer 10. In Rosario errichtete man die Iglesia Maradoniana, die Kirche Maradonas, um ihm zu huldigen.
 
Doch auch als sein Stern zu sinken begann, er weit über seinen Zenit hinaus weiterspielte und sich wie ein abgehalfterter Tanzbär am Nasenring durch die Stadien führen ließ und sich beim Dopen und Koksen erwischen ließ, blieb die Liebe der Argentinier ungebrochen. Sie hatten nie viel zu lachen: Staatsterror, Falklandkrieg, Wirtschaftskrisen, doch mittendrin: Maradona! Sie hatten ihn nun einmal auserkoren: Wer, wenn nicht er, sollte sie über all das Ungemach hinwegheben, wie schon einmal, 1986?

Elvis, Lady Di und Johannes Paul

Viel tat er nicht, um diese Hoffnung zu nähren, vielleicht war ihm auch alles zuviel, und er suchte einen Weg hinaus. Es war der falsche: Maradona pflegte dubiose Freundschaften mit Fidel Castro und Hugo Chávez, schimpfte gegen die USA, wurde besorgniserregend fett und delirierte winkend durch Hotellobbies und billige Talkshows. Als er im Krankenhaus lag, hielten die Argentinier Wache davor, entzündeten Kerzen, eine irrationale Liebe an der Grenze zwischen Leben und Tod, wie zu Elvis, Lady Di oder Johannes Paul. Doch die Kerzen halfen. Maradona überlebte.

Diese Liebe beschränkte sich nicht nur auf Argentinien – und verhunzte der FIFA einmal ordentlich das Protokoll. Im Jahre 2000 gewann Maradona eine weltweite Internetumfrage der Weltverbandes und wurde zum besten Spieler aller Zeiten gewählt. Josef Blatter und seine knarzigen Kollegen wollten jedoch ungern den speckig gewordenen Tunichtgut auf ihrer Gala sehen. Sie vergaben die Auszeichnung einfach zweimal. Der telegene Pelé nahm sie vor den Kameras in Empfang, Maradona bekam seine per Post.

Vielleicht muss Blatter ihm, ob er nun will oder nicht, eines Tages doch noch einmal die Hand schütteln. Denn seit Oktober »hat er den Fußball wieder und der Fußball ihn«, wie Günter Netzer äußerst gerührt formulierte. Maradona ist Nationaltrainer Argentiniens, er hat die Mission angetreten, die ihm seit je her zugedacht war. Weltmeister 2010? Das scheint ohnehin möglich mit einer Mannschaft, in der sein Epigone Lionel Messi spielt, ein Junge, vor dem die Gegner sich in ähnlicher Weise fürchten wie vor ihm. Doch aus der Nähe zu Maradona scheinen die Spieler überdies religiöse Kraft zu ziehen. »Unglaublich, dass er uns besucht«, sagt Hernan Crespo, Stürmer von Weltrang, über einen Mann, der ja schließlich sein Trainer ist und dafür bezahlt wird, dass er seine Spieler »besucht«.

Am Mittwoch stand Maradona am Spielfeldrand des Stade Vélodrome von Marseille. Wir glauben wohl zu sehr an Laktattests, Rangnick und die Wissenschaft, um zu begreifen, warum die Luft um diesen kleinen Mann in seiner Otto-Rehhagel-Thermojacke zu flirren beginnt. Seine Mannschaft spielte Frankreich an die Wand.

Oder war er es selbst – der D10S?

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