Wie amerikanische Fußballfans ein Zeichen gegen Donald Trump setzen

Hey Gringo! Wazzup?

Donald Trump will eine Mauer nach Mexiko. Doch weil es in San Diego keinen eigenen Fußballverein gibt, reisen amerikanische Fußballfans in eine der gefährlichsten Städte der Welt: Tijuana, Mexiko. Wir haben sie begleitet. 

Robert Benson
Heft: #
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Auf der anderen Seite hängen Tote von den Bäumen, sagen sie. Manchmal findet man die Leichen auch in Mülltonnen, mit Panzerband verschnürt, die Macheten im Herzen, und die Mörder stehen an der Straßenecke und kratzen sich lachend die Tacoreste aus den Mundwinkeln.

Auf einer Reise in die USA kann man sich die erste Dosis Hysterie schon im Flugzeug abholen, Reihe 37, Sitz E, dazu ein Gläschen Tomatensaft: Machen Sie es sich bequem! An diesem Dienstagabend etwa, irgendwo über Denver oder Las Vegas, sitzen zwei amerikanische College-Boys in Reihe 38 und jonglieren wild mit alten Statistiken und Hörensagen-Anekdoten. Tijuana, sagen sie, sei 2009 mit 72 Morden pro 100 000 Einwohner eine der gefährlichsten Städte der Welt gewesen.

40 Gewehre, 48 Handgranaten

Sie erzählen von dem Kartellpaten Teodoro »El Teo« Garcia Simental, der seine Gegner köpfen und in Säure auflösen ließ. Oder von Jorge Hank Rhon, diesem irren Millionär aus Tijuana, den man 1995 mit zwölf Koffern voller Felle bedrohter Tierarten erwischte und der 2011 inhaftiert wurde, weil die Polizei in seinem Haus 40 Gewehre, 48 Handgranaten, 9298 Schuss Munition und 70 Patronengürtel fand.

Wer die kalifornische Interstate 5 nach Süden über die Grenze fährt, muss also ziemlich verrückt sein. Oder einer von diesen lebensmüden Fußballfans aus den USA, die seit einiger Zeit die Xolos de Tijuana, Hank Rhons kleines Spielzeug, zu ihrem neuen Heimteam erkoren haben. Die College-Boys beugen sich vor: »Da wollt ihr wirklich hin?«

Gespräche wie dieses können verunsichern, ganz egal, wer da referiert: zwei Studenten, ein Politiker oder ein Fernsehkommentator. Vielleicht muss man sie aber zumindest einmal führen, um das alles zu verstehen. Diese Geschichte der Xolos und ihrer speziellen Anhänger aus den USA. Diese Geschichte, die von Angst und Grenzen handelt, aber auch von Annäherung und Freundschaft. Die viel über die verbindende Kraft des Fußballs aussagt, aber genauso viel über die amerikanische Gesellschaft. Die von schrägen und abenteuerlustigen Charakteren erzählt. Von Typen wie Marty Albert oder Roberto Cornejo.

Sie beginnt an einem sonnigen Tag Ende Februar, 35 Kilometer nördlich von Tijuana.

Dort oben, in Downtown San Diego, sind die Bürgersteige so sauber, dass man sich am liebsten die Schuhe abputzen möchte, bevor man das Hotel verlässt. Sogar die Graffitis sehen aus, als habe sie jemand mit Lineal gesprüht. Marty Albert, der vermutlich größte Fußballfan San Diegos, lebt in Ocean Beach, einem Viertel direkt am Strand. Hier tragen die Menschen Flipflops und Sonnenbrille, sie fahren Skateboard und Surfboard. Hier scheint immer die Sonne, selbst wenn es regnet.

Da macht es auch nichts, dass im Fernseher einer Kneipe Donald Trump in die Mikrofone bellt. Vielleicht geht es mal wieder um die Mauer, die er am Grenzstreifen errichten will. Vielleicht nennt er die Mexikaner wieder Vergewaltiger oder Drogendealer. Das letzte Mal lief nach so einer Rede Neil Youngs »Rockin’ in the Free World«. Diesmal sieht man nur, wie sich sein Mund diametral zu seiner Frisur bewegt, der Ton ist ausgestellt. »Ein Freak!«, sagt Marty. »Wenn er gewinnt, hätten wir wenigstens was zu lachen.«

»Hijo de puta!« Hurensohn!

Marty Albert ist 47, und er sieht aus, als sei er zusammen mit seinem Lieblings-Skateboard-Magazin aus den frühen Neunzigern gealtert: Baseballcap, tief hängende Jeans, um die Augen ein paar Falten, das Haar grau meliert. Eben war er surfen, die Wellen waren mittelmäßig, viel Weißwasser. Nun will er aber von Tijuana und den Xolos erzählen, der vielleicht größten Liebe seines Lebens.

Es begann irgendwann 2011. Mexi­kanische Arbeitskollegen hatten ihm von diesem Klub jenseits der Grenze vorgeschwärmt, und Marty war sofort begeistert. Als er schließlich im Estadio Caliente saß, war alles anders als beim American Football oder Baseball. Das Bier wurde von großbusigen Frauen serviert, an den Aufgängen spielten Bands mit Tuba und Trompete wild durcheinander, und bei den Abschlägen des gegnerischen Torwarts hallte es durchs Stadion: »Hijo de puta!« Hurensohn!

Vielleicht verguckte sich Marty so schnell in diesen Ort, weil er schon immer einer von diesen Typen war, die man in den USA outgoing nennt, nach vorne, extrovertiert, positiv bis zum bitteren Ende. Einer, der trotz des endlosen Sommers in Ocean Beach gefangen war in einem ingoing country, einem Land, das sich seit Jahren immer mehr in sich zurückzieht.