Wie Alvaro Dominguez sein Karriereende erlebte

»Vor jedem Spiel fing ich nachts um zwei Uhr an, Dehnübungen zu machen«

Am Ende 
November 2015. Sie fragen sich bestimmt, wie es möglich ist, dass ein Profi über Schmerzen an der Grenze zum Ertragbaren klagt und immer weiter spielt? Auch mir fällt es schwer, dies zu beantworten. Vor jedem Spiel fing ich nachts um zwei Uhr an, in der Wohnung Dehnübungen zu machen. Die Übungen linderten die Rückenschmerzen ein wenig. Vorm Spiel nahm ich Tabletten. Eine Stunde bevor wir zum Aufwärmen ins Stadion liefen, arbeitete ich im Kraftraum. Beim Warmmachen im vollen Stadion kam dann das Adrenalin.


»Das ist das Ende!«

Nach Abpfiff sagten alle: »Super gespielt, Álvaro.« Noch immer ahnte ich nicht, wie dramatisch die Situation war. Aber, hey, wir spielten Champions League, ich lief gegen Juve auf, gegen Schalke und Wolfsburg. Ich wusste, dass ich nur maximal 70 Prozent meines normalen Leistungsvermögens abgerufen hatte. Aber da alle zufrieden waren, ließ auch ich mir nichts anmerken.

Am 7. November 2015 spielten wir zu Hause gegen den FC Ingolstadt, drei Tage nach dem Heimspiel gegen Juventus Turin. Als Team waren wir auf einem guten Weg. Als Fußballer war ich auf direktem Weg ins Verderben. Als ich nach Abpfiff in die Kabine kam, legte ich mich flach auf den Boden und dachte: »Das ist das Ende!« Ich konnte mich nicht mehr bewegen. 

»Wie kannst du so Fußball spielen?«

Am nächsten Tag sagte ich meinem Berater: »Es geht nicht mehr. Irgendwas stimmt nicht.« Wir flogen zu Dr. Müller-Wohlfahrt nach München. Der Weg vom Hotel zur Praxis von Müller-Wohlfahrt am Marienplatz dauert zu Fuß zehn Minuten. Selbst auf dieser kurzen Strecke musste mich mehrfach hinsetzen. Als ich in seine Praxis kam, sah er mich an, die Position meiner Hüften und sagte: »Wie kannst du so Fußball spielen?«

Er ließ sofort ein MRT anfertigen. Auf dem Röntgenbild zeigte mir Dr. Müller-Wohlfahrt, wie negativ sich die Situation bei zwei der drei Bandscheibenvorfälle und in meinem Spinalkanal entwickelt hatte. Wie war es möglich gewesen, dass ich noch zwei Tage zuvor 90 Minuten auf Topniveau spielen durfte? Für den 23. November 2015 vereinbarten wir bei Professor Jörg-Christian Tonn in München eine Operation. In den Tagen davor traf ich mich mit den Verantwortlichen in Gladbach. Diesmal sagte ich frei heraus, dass ich unmöglich spielen könne. Auch der Mannschaftsarzt war zur Überzeugung gelangt, dass es besser sei, wenn ich mich in Behandlung begäbe. 

Ich war außer mir und rief Max Eberl an

Am Tag nach dem Gespräch rief mich die Krankenversicherung an und teilte mir mit, dass ich ab sofort kein Gehalt mehr beziehen würde. Ich sei bereits im Sommer sechs Wochen krank geschrieben gewesen, deshalb hätte ich nun keinen Anspruch mehr auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich war außer mir und rief bei Max Eberl durch, um zu fragen, wie er das fände. Offenbar war die Gesetzgebung in Deutschland so. Aber ich hatte meine Gesundheit für den Klub aufs Spiel gesetzt. Warum half mir jetzt nicht der Verein?

Als ich nach der OP aufwachte, merkte ich, dass die rechte Seite des Rückens sich deutlich verbessert hatte, links waren die Schmerzen aber unverändert. Wieder lagen acht Wochen Reha vor mir. Ein Profi, der in der Reha ist, gilt als krankgeschrieben. Erst wenn er wieder ins Training einsteigt, bezieht er das Gehalt, das ihm laut Vertrag zusteht.