Wie Alvaro Dominguez sein Karriereende erlebte

»Der Schmerz setzt sich im Kopf fest«

Zurück im Training
Juli 2015. Im Trainingslager in Rottach-Egern sprach ich mit dem Trainer. Favre nahm mit einiger Verwunderung zur Kenntnis, dass ich immer noch Schmerzen hatte. Ich sagte ihm, dass es mir lieber wäre, etwas weniger in der harten Vorbereitung zu machen. Aber ein Spieler, der im Trainingslager nur halbe Kraft gibt, ist ein Problem. Das Trainingslager setzt wichtige Akzente für die Saison, besonders wenn ein Klub in drei Wettbewerben spielt. Also stand ich fortan zwei Mal am Tag auf dem Übungsplatz. Ich hatte dem Trainer, Max Eberl und den Ärzten gesagt, dass ich nicht voll belastbar sei. Wir vereinbarten, dass ich  so viel machen sollte, wie möglich war. Also sah ich zu, nicht in jeder Situation voll durchzuziehen. Zwei Mal täglich wurde ich behandelt. Irgendwie kam ich über die Runden.

 

Wenn man jeden Tag mit Schmerzen aufwacht, beginnt sich der Schmerz irgendwann im Kopf festzusetzen. Nichts fällt mehr leicht. Ständig denkt man daran, ob es besser geworden ist – oder schlimmer. Wenn man spazieren geht, beim Essen, auf der Massagebank oder auf dem Sofa, stets ist er da: der Schmerz. 

Meine Genesung schritt voran. Der Optimismus kehrte zurück. 

August 2015. In der Woche vor dem Pokalspiel gegen den FC St. Pauli teilte ich dem Verein mit, dass ich gerne eine zweite Meinung einholen würde. Seit Mai hatte sich mein Zustand deutlich verschlechtert. Ich reiste nach Madrid, um mich von einem Neurochirurgen untersuchen zu lassen. Vier Wochen lang arbeitete ich mit einem Physiotherapeuten. Ich ernährte mich gut. Meine Genesung schritt voran. Der Optimismus kehrte zurück. 

Aus Gladbach hörte ich in dieser Zeit wenig. Ab und an eine SMS vom Trainer oder von Max Eberl, die nach dem Befinden fragten. Mehr nicht. Die Mannschaft hatte genug mit sich selbst zu tun. Nach sechs Pflichtspielniederlagen in Folge lagen wir abgeschlagen am Tabellenende. Der pure Horror. Ich kehrte Mitte September an den Niederrhein zurück. Am 20. September 2015 gab Favre seinen Rücktritt als Trainer bekannt.  

 

Die Mannschaft braucht dich
September 2015. André Schubert ist ein großartiger Mensch. Wir haben bis heute guten Kontakt. Als er das Traineramt bei Borussia übernahm, trafen wir, der Mannschaftsrat, uns mit ihm. Er sagte: »Jungs, ihr seid das Herz des Teams. Ihr müsst den jungen Spielern helfen, müsst Vorbilder sein.« Das Gespräch fand kurz vorm Heimspiel gegen den FC Augsburg statt. Die Reha-Maßnahmen mit Borussia-Physio Andy Bluhm hatten mir gut getan. Ich war wieder ins Training eingestiegen. Schubert kam nach der Einheit auf mich zu: »Álvaro, meinst du, es geht wieder?« Ich sagte: »Ich weiß nicht.« »Aber es sieht gut aus. Du kannst uns helfen.« Das wollte ich. Schließlich wurde es Zeit, dass wir zurück in die Spur kommen. Ich wurde gesund geschrieben, also sagte ich zu. Wir besiegten den FC Augsburg mit 4:2. Der Borussia-Park bebte. Die Trendwende war eingeläutet. Die Mannschaft feierte – nur ich war wieder total kaputt.


Die Wochen nach dem Spiel wurden zur Tortur, die Tage monoton. Wenn ich nicht beim Training oder im Kraftraum war, lag ich fast immer im Bett. Wenn ich etwas brauchte, rief ich Freunde an, damit sie mir Lebensmittel vorbeibringen. Normales Mannschaftstraining machte ich kaum noch. André Schubert ließ mich in Ruhe mein Ding machen. Ein paar Schüsse, ein bisschen Lauftraining, ein paar Stunden im Kraftraum. Hauptsache, ich konnte am Samstag auflaufen. »Die Mannschaft braucht dich,« hieß es. 

Ich ging zum Training, kam nach Hause, legte mich hin, stand kurz fürs Essen wieder auf und legte mich wieder hin. Und wenn Spieltag war, stand ich auf dem Platz als wäre nichts gewesen. Sieben Wochen lang, zehn Pflichtspiele.