Wie Alvaro Dominguez sein Karriereende erlebte

»Das ist das Ende«

Gladbachs Alvaro Dominguez muss seine Karriere mit 27 Jahren als Sportinvalide beenden. Hier erzählt er seine Geschichte. 

Eriver Hijano

Warum erzähle ich diese Geschichte? Ich habe neun Jahre auf höchstem Niveau Fußball gespielt. Primera División, Bundesliga, Champions League, für Atlético Madrid, die spanische Nationalelf, für Borussia Mönchengladbach. Ich habe die Begeisterung der Fans auf den Tribünen gespürt. Die Zuneigung der Menschen, die ihren Klub lieben wie einen Verwandten. Ich habe Geld verdient, viel mehr als die meisten Menschen auf der Welt. Ich habe all die großartigen Seiten im Leben eines Profis kennengelernt. Es war eine wunderschöne Zeit. Doch sie ist vorbei. Ich werde nie mehr als Spieler in ein ausverkauftes Stadion einlaufen. Gut möglich, dass ich nie wieder mit Freunden kicken kann. Ich bin 27 Jahre alt.


Wenn man jung ist, hält man sich für unverwundbar.

Deshalb möchte ich hier von der anderen Seite dieses Berufs erzählen. Ich möchte eine Seite des Fußballgeschäfts zeigen, in die Fans nur selten Einblick erhalten. Hinter die Kulissen der Glitzerwelt aus Traumtoren, rasanten Strafraumszenen und rassigen Zweikämpfen. Dinge, die es nur geben kann, weil Sportler Tag für Tag ihren Körper wie ein Werkzeug einsetzen, sich im Kraftraum schinden und in jeder Einheit um einen Platz in der Stammelf kämpfen. 

In dieser Welt ist Schmerz alltäglich. Schon als Jugendspieler in Spanien lernte ich damit zu leben. Nicht bei jedem Wehwehchen zu hinterfragen, ob etwas Schlimmeres dahintersteckt. Strategien zu entwickeln, wie ich trotz einer Entzündung, eines quälenden Gelenks am Spieltag auflaufen kann. Ein Profi gewöhnt sich daran, Verletzungen nicht überzubewerten. Wenn es sein muss, nicht mehr daran zu denken und sich stattdessen auf den Gegner zu konzentrieren. Wenn man jung ist, hält man sich für unverwundbar. Das Leben ist leicht, alles macht Spaß. Ein junger Spieler macht sich keine Gedanken, dass seine Karriere durch den Tritt eines Gegners, durch eine unbedachte Aktion im nächsten Moment bereits zu Ende sein kann. 

Eine falsche Bewegung
Februar 2015. Ich war stets ein robuster Fußballer, der sich nie um Zweikämpfe gedrückt hat. Von schlimmeren Verletzungen blieb ich lange verschont. Als junger Atlético-Spieler hatte ich eine Schambeinentzündung. Ich warf eine Schmerztablette ein und die Sache war erledigt. Der Physiotherapeut sagte: „Alles okay, pass nur auf, dass die Schmerzen nicht schlimmer werden.“ So habe ich es in meiner Karriere immer gehalten. Und war stets gut damit gefahren. 

Seit Februar 2015 aber hatte ich öfter Rückenschmerzen gehabt. Daraufhin wurde eine MRT-Aufnahme angefertigt, die Ergebnisse gingen direkt an die medizinische Abteilung von Borussia Mönchengladbach. Ich kümmerte mich nicht weiter darum.

Bis zu jenem 2. Mai 2015, einem Samstag. Einen Tag vor dem Spiel mit Borussia bei Hertha BSC verdrehte ich mir im Training den Rücken. Eine falsche Bewegung, ein stechender Schmerz. Der Mannschaftsarzt sagte, es sei eine Blockade, die Muskulatur sei verhärtet, keine große Sache. Um die Schmerzen zu lindern, gab er mir eine Spritze. Vor dem Spiel aber ging nichts mehr. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Jede Bewegung tat weh. 

»Álvaro, mach Urlaub, erhol dich.«

 Doch wir spielten um die Champions-League-Qualifikation. Zwei Wochen später beim Auswärtsspiel in Bremen konnten wir den großen Traum wahr machen. Die Jungs fragten mich, ob ich wieder einsatzfähig sei. Max Eberl und Trainer Lucien Favre baten mich um Hilfe. In solchen Momenten beißt ein Spieler auf die Zähne. Auch ich wollte dabei sein, wenn wir die Königsklasse erreichen. Vor dem Match im Weserstadion warf ich eine Schmerztablette ein. Irgendwie würde es schon gehen. 

Nach dem 2:0-Sieg wurden in der Kabine die Sektflaschen herumgereicht. Doch mir war nicht nach Party. Ich wollte nur noch meine Ruhe und ins Bett. Als ich nach Hause kam, stellte ich einen einen Fehlstand meiner Hüften fest. Doch die Saison war gelaufen, wir hatten erreicht, was wir uns vorgenommen hatten. Der Mannschaftsarzt sagte: »Álvaro, mach Urlaub, erhol dich.« Es klang gut, er musste es wissen, er war der Fachmann. Also fuhr ich in Urlaub und ruhte mich aus. Die Schmerzen aber gingen nicht weg. Also entschied ich Anfang Juni auf eigene Faust, ein weiteres MRT in Spanien zu machen. Nach Begutachtung der Bilder sagte mir der Arzt in Madrid, dass ich drei Bandscheibenvorfälle gehabt habe, die konservativ behandelt werden müssten. Das bedeutete: Reha, viele Kraft- und Dehnübungen, kontrollierte Trainingsmethoden.