Wie Alemannia Aachen in der Regionalliga strandete

»Das kostet dich Zuschauer«

Jetzt steht er auf den Trümmern des Würselener Walls. 25 Stufen sind es bis hier oben. 25 Stufen hinauf in die Vergangenheit - als hätte man den alten Aufgang zu den Stehplätzen beim Abriss einfach vergessen. Geländer in Schwarz und Gelb, den Farben des TSV Alemannia Aachen. Die Stufen sind mit Moos ausgelegt, am Rand wuchern Brennnesseln. Manchmal treffen sich die Ultras noch hier. Auf dem Boden liegen Scherben von zerbrochenen Bierflaschen, in den Büschen leere Chipstüten, abgebrannte Pyrofackeln und die Fetzen eines selbst gemalten Spruchbandes.

Wenn Alexander Klitzpera, 38 Jahre alt inzwischen, an die damalige Zeit zurückdenkt, läuft das alles wie ein Film in seinem Kopf ab. »Ich geh’ in Gedanken durch den Spielertunnel«, sagt er. Ein enger Schlauch, das Schiedsrichtergespann vorweg, dahinter die Spieler beider Teams, Schulter an Schulter, »der Gegner links, wir rechts«. Man hört schon die Fans, riecht den Rasen, sieht das Flutlicht.

»Wir haben alle gegen das Blech getrommelt«

An der Seite, bis auf Bauchhöhe, ist der Tunnel mit gestanztem Blech verkleidet. Kurz bevor es rausgeht auf den Platz, »haben wir alle gegen das Blech getrommelt und getreten. Das war unser Ritual«, erzählt Klitzpera. »Wahnsinn!«

Um aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückzukehren, muss sich Klitzpera nur einmal umdrehen. 250 Meter Luftlinie liegen zwischen dem alten und dem neuen Tivoli. Oder drei Ligen. Der Plan war, sich mit Klitzpera, Alemannias Sportdirektor, am alten Stadion zu treffen und von dort hinüberzugehen zu seinem Arbeitsplatz in der neuen Arena, die Vergangenheit gewissermaßen hinter uns lassen.

Freitags hatten wir uns für die kommende Woche verabredet, tags darauf wurde Klitzpera, nach 14 Monaten im Amt, beurlaubt - weil die sportliche Realität sich wieder mal nicht an die schönen Pläne der Vereinsführung gehalten hatte. »Die Saison ist eine ziemliche Ansammlung von Pannen, Skandalen und personellen Korrekturen«, hat die »Aachener Zeitung« anschließend geschrieben.

Im Grunde gilt dieser Satz für jede Saison seit Alemannias Aufstieg im April 2006. Klitzpera war bereits der vierte Sportdirektor seit Jörg Schmadtkes Rücktritt im Oktober 2008; dazu haben sich insgesamt fünfzehn Trainer in den vergangenen zehn Jahren versuchen dürfen.

Nach nur einer Saison in der Bundesliga stieg Alemannia 2007 als Vorletzter wieder ab, mit acht Punkten Vorsprung auf Borussia Mönchengladbach. Doch während die Gladbacher inzwischen in der Champions League gespielt haben, sind die Aachener im Niemandsland der viertklassigen Regionalliga West gestrandet.

Gegen Velbert kamen nur noch 6000

Die Gegner heißen jetzt SV Rödinghausen und TuS Erndtebrück, und daran wird sich auch in der nächsten Saison - bei Tabellenplatz acht und 28 Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter Sportfreunde Lotte - nichts ändern. »Jedes Jahr mehr in der Regionalliga kostet dich Zuschauer«, sagt Klitzpera. Im ersten Saisonspiel gegen die U 23 der Gladbacher waren es noch 1 000, zuletzt gegen Velbert kamen nur noch 6000.

Alemannia-Fan zu sein, fühlt sich schon lange nicht mehr richtig an. Der Klub hat seit 2007 einen fast beispiellosen Absturz erlebt. Und das liegt nicht zuletzt am neuen Stadion, in das Alemannia 2009, noch zu Zweitligazeiten, umgezogen ist. "Aachens bekannteste Problem immobilie", haben die "Aachener Nachrichten" den neuen Tivoli einmal genannt, wobei auch der alte Tivoli am Ende mit seiner maroden Substanz eine Problemimmobilie und nicht mehr zu sanieren war. Schon als Zweitligist konnte der Verein die laufenden Kosten für das neue Stadion von jährlich sechs Millionen Euro nicht mehr aufbringen, und nach Alemannias Insolvenz musste die Stadt den Tivoli für einen symbolischen Preis von einem Euro übernehmen.

Über dem neuen Stadion scheint von Anfang an ein Fluch gelegen zu haben. Schon das erste Pflichtspiel endete mit einer 0:5-Niederlage gegen St. Pauli. Auf der Alemannia-Homepage hört die Vereins-Historie 2009 mit dem Abschied vom alten Tivoli auf. "Jeder Fan verbindet mit dem neuen Stadion Abstieg und Insolvenz", sagt Alexander Klitzpera. Alles am neuen Tivoli mit fast 33 000 Plätzen ist ein bisschen zu großzügig ausgefallen: der riesige Vorplatz, über den ungebremst der Wind pfeift, das Parkhaus, dazu das dreistöckige Funktionsgebäude mit Umkleidekabinen allein für den Trainingsbetrieb - als einstöckige Ruine aus Beton und Eisen ist es zum Mahnmal gegen den Größenwahn geworden.

Alemannia Aachen ist auch Opfer der eigenen Tradition geworden. So wie der MSV Duisburg oder Kickers Offenbach. Auch die wollten im Nachgang des Sommermärchens neue, moderne Stadien haben, die sich eher an der historischen Bedeutung ihres Klubs orientiert haben als an den tatsächlichen Bedürfnissen.