Wie 1860 München wieder zu sich selbst finden will

Leben im Exil

Heimatlos und in wirtschaftlichen Zwängen bleibt 1860 München seit Jahren hinter den Erwartungen zurück. In unserer April-Ausgabe haben neun Protagonisten erklärt, was sich ändern muss.

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161

Selbst das stärkste Gefühl lässt nach, wenn es lang genug nicht erwidert wird. Langzeit-Fan Hans Vonavka hat alles erlebt. Als die Löwen im Pokalsiegercup-Finale 1965 West Ham United vor fast 100 000 Zuschauern unterlagen, durfte der heute 59-Jährige länger aufbleiben, um das Spiel im Fernsehen zu verfolgen. Im Gefolge der Blauen wurde er ein Jahr später Meister, stieg 1970 ab und sieben Jahre später wieder auf. Nach dem Lizenzentzug 1982 ging er mit dem TSV in die Bayernliga und marschierte in den Neunzigern in die Bundesliga durch. Er hat vor Freude geweint, als die Löwen in der Saison 1999/2000 den verhassten Lokalrivalen von der Säbener Straße besiegten. Es fühlte sich so unglaublich gut an. Dabei hatte er gegen ein paar Bayern-Fans sogar gewettet, dass es so kommen würde. Der Verlierer wurde vergattert, das Rückspiel in der Kurve des Gegners anzuschauen. Vonavka und seine Kumpels aber ließen Gnade walten, sie passten den düpierten FCB-Anhang vor Betreten des Blocks ab, nahmen die roten Klamotten in Gewahrsam und steckten die Gegner in blaue Trikots. »Sonst hätten die das nicht überlebt.«

Der Entfremdete:
Hans Vonavka

Nichts konnte seiner Liebe etwas anhaben. Doch die jüngste Vergangenheit hat sein inniges Verhältnis zum Klub schwer beschädigt. Die Dauerkarte hat er in alter Tradition zwar noch immer, aber in die verhasste Allianz Arena geht er nicht mehr. Gefragt, wie es zur Spaltung von seinem Herzensverein kommen konnte, nennt der Blumengroßhändler vier Stufen der Entfremdung:

1. Den endgültigen Auszug von 1860 aus dem Grünwalder- ins Olympiastadion 1995, weil es den freiwilligen Verlust der angestammten Heimat bedeutete.
2. Die Beteiligung als Juniorpartner des FC Bayern am Bau der Arena 2001.
3. Den Sündenfall: Als der TSV 1860 abstieg und in finanzielle Schieflage geriet, verkauften Klubverantwortliche die Stadionanteile 2006 für 11,8 Millionen Euro an den Erzrivalen, dessen Untermieter man seither ist. Der Mietvertrag läuft bis 2025, der Mietzins inklusive des extrem kostspieligen Business-Bereichs, der nur zu knapp einem Zehntel genutzt wird, soll bei weit über fünf Millionen Euro jährlich liegen. Der Zuschauerschnitt ist von 41.371 im Jahr 2005 auf 19.312 in der Saison 2013/14 gesunken, die Kosten sind so nicht zu decken. Die Folge:
4. In der Saison 2010/11 stand der Verein vor der Insolvenz. Der jordanische Investor Hasan Ismaik rettete den TSV 1860 mit 18,4 Millionen Euro vor dem Lizenzentzug. Seitdem hält der Geschäftsmann 60 Prozent an der Lizenzabteilung und – entsprechend der 50+1-Regel – 49 Prozent der Stimmrechte.

»Und jedes Mal haben wir laut vor den Konsequenzen gewarnt: Die Löwen dürfen kein Plagiat eines Großvereins sein, wir müssen ein Original bleiben«, sagt das Mitglied der Fan-Initiative Pro 1860, »aber es hat niemand auf uns hören wollen.« Die Klub-DNA ist verwässert. Der TSV ist in einer Zwickmühle, aus der es kein Entrinnen gibt. Die Sechzger hängen am Tropf eines Geschäftsmannes und befinden sich in langfristigen Vertragsbeziehungen mit den steinreichen Roten. Ein unhaltbarer Zustand.

Denn ein Löwe versteht sich nicht als Teil des Establishments. Die Großkopferten, die regieren drüben an der Säbener. Ein Sechzger ist bodenständig, volksnah. »Vom Leben gezeichnet, aber stolz«, sagt Vonavka. Jahrelang hat er für den Erhalt des Grünwalder Stadions gekämpft, das nach der Renovierung noch Platz für 12.000 Zuschauer bietet und zumindest Amateurfußball zulässt. Er hat Änderungen der Klubsatzung erstritten, damit Fans mehr Mitspracherecht bekommen. Aber er hat auch erlebt, wie vernünftige Leute, die er unterstützte, in Funktionärsämter gelangten, dort plötzlich zu Fußballexperten mutierten, in Sachzwängen erstarrten und ihre eigentliche Bestimmung vergaßen. Die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet, hat Vonavka aufgegeben. »Es zerreißt mich, wenn ich die Spiele sehe«, sagt er. Sein Herz wünscht sich Siege und dass sich der Klub aus dem Abstiegsstrudel befreit. Doch sein Kopf sagt ihm, dass ein Verbleib im Niemandsland de    r zweiten Liga nur einen weiteren Schritt in die Ausweglosigkeit bedeuten würde. »So schwer es mir fällt und so unabsehbar die Konsequenzen für den Verein wären«, sagt er, »aber ein Abstieg ist die einzige Chance auf einen Neuanfang.«

Der Geschäftsführer:
Markus Rejek

»Die Frage ist nur, wohin der Klub absteigen würde.« Für Markus Rejek fangen die wirklichen Probleme dann erst an. Auf der Geschäftsstelle würden viele Mitarbeiter ihren Job verlieren. Die hochdekorierte Nachwuchsarbeit, der Top-Spieler wie die Bender-Zwillinge Lars und Sven, Kevin Volland oder Julian Weigl entstammen, könnte nicht mehr auf dem Niveau fortgeführt werden. Höchstwahrscheinlich würde auch der Investor sein Interesse verlieren. Kurz: Der Klub, den aktuell wieder rund zehn Millionen Euro Schulden drücken, stünde vor dem Nichts.

Rejek kam im Januar 2014 als Geschäftsführer nach München. Zuvor hat er als Marketingchef bei Borussia Dortmund an der erfolgreichen Reform der Marke BVB mitgewirkt. Er hatte die Idee zu Jürgen Klopps »Pöhler«-Kappe und den Slogan »Echte Liebe« mitgeprägt. »Ich bringe vielleicht keine Liebe zum Klub mit, aber eine professionelle Haltung«, sagt der Kaufmann, und er weiß, dass ein Leben in Abhängigkeit auf Dauer unglücklich macht. Doch in 14 Jahren in Westfalen hat er auch erlebt, wie rasant sportlicher Erfolg einen Traditionsklub befriedet und neue Euphorie freisetzt.

Nach seiner Ankunft stellte Rejek fest, dass im stetig kriselnden TSV eine tief verwurzelte Sehnsucht nach den großen Zeiten vorherrscht. Ein regelrechter Personenkult würde um den verstorbenen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser oder Ex-Coach Werner Lorant gemacht, in deren Amtszeit der TSV 1860 beinahe Champions League spielte. Es fällt vielen schwer, trotz elf Jahren Daueraufenthalts in der zweiten Liga, die Realitäten zu akzeptieren. »Der Traum vom Aufstieg ist ein Rucksack mit schweren Steinen«, sagt Rejek, »wir müssen anfangen, unsere Aufgaben im Hier und Jetzt zu lösen.«

Nach Einblick in die Bücher hat der Geschäftsführer gravierende Fehlentscheidungen ausgemacht. Nicht nur der Mietvertrag in der Fröttmaninger Arena war ein schlechtes Geschäft. Auch beim Verkauf der Bender-Zwillinge oder von Kevin Volland an Vereine in der Bundesliga waren die Erlöse zu niedrig.

Der TSV 1860 braucht endlich wieder Unabhängigkeit – von den Geistern der Vergangenheit, aber auch wirtschaftlich. Soeben hat der Verein einen Deal mit dem Sportrechtevermarkter Infront abgeschlossen, der bis 2028 die Sponsoringrechte der Löwen wahrnehmen wird und dafür ein Fixum von 60 Millionen Euro garantiert. Für Rejek bedeutet der Vertrag ein Stück Planungssicherheit und eine zweite wirtschaftliche Säule neben dem Geld des Investors. Doch in Dortmund hat er die Erfahrung gemacht, dass es am Ende nur einen Weg gibt, der langfristig aus der Misere führt: »Als Erstes brauchen wir eine Mannschaft, mit der man sich identifizieren kann.«

Der Traditionalist:
Roman Beer

Es wird viel über Tradition gesprochen. Einer, der sie wirklich lebt, ist Roman Beer. Lange war er die zentrale Figur der Initiative »Freunde des Sechz’ger Stadions«. Inzwischen kümmert er sich ehrenamtlich als stellvertretender Leiter der Fußballabteilung um den Jugend- und Amateurfußball und die »Traditionspflege«. Er zeichnet für Reprints von historischen Klubchroniken verantwortlich, plant ein 1860-Museum und hat dafür gesorgt, dass das silberne Duplikat des alten DFB-Pokals, den die Löwen 1964 als letztes Team in der deutschen Geschichte errangen, den Weg in die Klubvitrine findet. Und nicht mehr der aktuelle Goldpokal, der in der Wildmoser-Ära dort fälschlicherweise hineingestellt worden war.

Als 2011 der Einstieg eines Investors diskutiert wurde, befürchtete Beer das Schlimmste. Dass praktisch jede Entscheidung fortan von einem Mann irgendwo in der fernen Welt getroffen würde und man in München nichts mehr zu sagen hätte. Doch seine Erwartungen haben sich nur bedingt als zutreffend herausgestellt. Der Geldgeber stopft Jahr für Jahr die anfallenden Löcher. Ob er sein Geld je wieder sieht, ist fraglich. Teile des Anhangs sehen den Jordanier inzwischen mehr als Opfer denn als Verursacher des gewohnten Klubchaos.

»Unser größtes Problem«, sagt Roman Beer, »sind die kommunikativen Störungen in und um den Verein.« Als Historiker weiß er, was 1860 in der Vergangenheit stark gemacht hat. Die Leidensfähigkeit der Fans und der Wille, in düsteren Phasen zusammenzustehen. Beer sieht sich in der Pflicht, dieses Zusammengehörigkeitsempfinden zu erhalten. Ein Gefühl, das in der sterilen Arena vor den Toren der Stadt nie zu voller Entfaltung kommen kann. Natürlich braucht der Klub – und darin stimmt Beer mit allen überein, die hier Erwähnung finden – ein eigenes Stadion, eine Heimat. Aber der TSV 1860 muss auch aufhören, sich weiter in einer Konkurrenz zu den Bayern zu sehen, die sich längst als globales Trademark präsentieren. »Wir müssen uns als Münchner Klub verankern, als regionale Marke«, sagt Beer, »die auch unabhängig vom sportlichen Erfolg funktioniert.« So wie der 1. FC Union in Berlin oder der FC St. Pauli in Hamburg. Ein Verein, der für ureigene Werte steht und Lokalkolorit verkörpert.