Weshalb ein Abstieg von Hannover nur logisch wäre

»Mir geht diese Situation voll auf den Sack«

Auf den Sportplätzen und im Einzelhandel der Region Hannover hat der übliche mentale Ausverkaufbegonnen. Kinder machen Witze über jenen Verein, der ihnen eigentlich ganz nah liegen sollte. In den Sportgeschäften sind Trikots von Bayern und Dortmund immer noch so teuer wie zum Saisonstart. Die Anziehsachen im Design von 96 dagegen sind stark reduziert und finden kaum Beachtung.

Über Jahre ist der große Boss Kind für seine hölzerne Sprache belächelt worden. Aber genau jene Marke Hannover 96, von der in seinen Reden immer zu hören ist, hat nachhaltigen Schaden erlitten. Unter dem Regiment von Kind ist ein komplexes Firmengeflecht rund um einen 1896 gegründeten Sportverein entstanden, das von Außenstehenden kaum zu durchblicken ist. Es wird weiter von ihm verantwortet. Hinter verschlossenen Türen sollten die letzten Anteile vom Stammverein auf die Kapitalseite übertragen werden.

Vorerst ruht der Antrag von Kind, für sich und Hannover 96 eine Ausnahmeregelung von der 50+1-Regel zu erzwingen. Sie schützt Deutschlands Profiklubs vor einem zu starken Einfluss durch Geldgeber. In Hannover sorgt die 50+1-Regel vor allem dafür, dass es immer unruhig ist. Und sie dient wohl so manchem Hauptdarsteller auch als Ausrede dafür, warum es sportlich einfach überhaupt nicht läuft.

»Mir geht diese Situation voll auf den Sack«

Zu den besten Kronzeugen für das, was bei 96 alles schiefläuft, gehört der aktuelle Trainer. Thomas Doll ist ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Seine Analysen sind authentisch, weil ihm das eine oder andere Wort herausrutscht, das man als leitender Angestellter besser nicht ausspricht. »Was hier die Woche über los ist, glaubt einem kein Mensch« oder »Mir geht diese Situation voll auf den Sack« - so klingt Doll, wenn er beschreibt, wie sich nach einer fast zehnjährigen Abstinenz seine Rückkehr in den deutschen Profifußball in Hannover anfühlt.

Um es vorsichtig zu formulieren: Kind hatte sich Ende Januar entschlossen, einen strukturierten gegen einen impulsiven Cheftrainer auszutauschen. Auf André Breitenreiter folgte Doll und danach so manche weitere Niederlage. Es gilt als beschlossene Sache, dass auch Doll am Saisonende zu einem vorzeitigen Abschied gedrängt wird. Kind bereitet einen totalen Neuanfang vor. Dass die aktuelle Mannschaft falsch zusammengestellt und gescheitert sei, hatte er schon vor Wochen öffentlich formuliert. Zu diesem Zeitpunkt besaß das Team um Kapitän Marvin Bakalorz noch eine realistische Chance auf den Klassenerhalt - und dürfte sich wie im falschen Film gefühlt haben.

Wofür möchte Hannover 96 künftig stehen?

Zum jüngsten Heimspiel gegen Mainz, das glücklich gewonnen werden konnte, waren gerade mal 30 400 Zuschauer gekommen. Das Verblüffende: Die Stimmung war gut und am Ende sogar ausgelassen. Seitdem Kind nicht mehr Präsident ist, wird das eigene Team wieder angefeuert. Die Diffamierungen von Kind bleiben aus. Es mag sich komisch lesen, aber vielleicht trägt der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren unter einer neuen Federführung dazu bei, dass der Verein endlich zur Ruhe kommt und sich grundlegend neu sortiert.

Wofür möchte Hannover 96 künftig stehen? Mit welcher Philosophie kann sich eine breite Mehrheit an Sympathisanten anfreunden? Darüber wird angesichts der veränderten Machtverhältnisse endlich geredet, ohne dass am nächsten Tag gleich alle Details dazu in der Zeitung stehen. Bekannt ist in jedem Fall: Hannover 96 bemüht sich gerade um einen neuen Sportdirektor und mehr Fußball- Kompetenz in den maßgeblichen Gremien. Angesichts millionenschwerer Verluste droht ein Ausverkauf des Teams. Der Weggang von Torjäger Niclas Füllkrug zu Werder Bremen wird gerade abgewickelt. Über das weitere Vorgehen tauschen sich Kind und seine Opposition offenbar aus. Stück für Stück ist herauszuhören, dass sich alle Beteiligten darum bemühen, zu den Sachthemen zurückzukehren. Vielleicht ist genau diese Erkenntnis der mit Abstand wichtigste Sieg, den Hannover 96 in dieser völlig missglückten Saison erringen konnte.