Werders: Mal gut, mal schlecht, jetzt fies

Das dritte Gesicht

Während der Karlsruher SC den ersten Sieg seit mehr als zwei Monaten feiert, ärgert sich der SV Werder Bremen über eine Vielzahl ungenutzter Chancen – und die peinlichen Ausraster zweier seiner Stars. Werders: Mal gut, mal schlecht, jetzt fiesImago
 

Der Ball hatte die Linie gerade überschritten, da hatte KSC-Manager Rolf Dohmen schon sein Mobiltelefon gezückt und drückte mit beiden Händen konzentriert auf die Tasten. Sein Gesichtsausdruck war angestrengt, und so machte es nicht den Eindruck, als würde der KSC-Manager Botschaften à la »Ja! Ja! Ja!« oder »Wir können es noch!« eintippen und als SMS verschicken.

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Wahrscheinlicher ist, dass sich Dohmen ins Internet eingewählt und den Live-Ticker eines Nachrichtenportals aufgerufen hatte, um sicher zu gehen, dass er nicht unter Halluzinationen litt. So ein 1:0-Führungstreffer gegen Bremen kann einen Karlsruher in diesen Zeiten schon am eigenen Verstand zweifeln lassen, zumal das Tor in der 83. Minute fiel und somit die Entscheidung für den KSC bedeutete - ein lang vermisstes Gefühl, datiert der letzte Sieg (2:1 gegen Bielefeld) doch vom 3. Oktober 2008.
       
Symptomatischerweise war es eine Art Billard-Tor, das für die badische Erleichterung sorgte: Timo Staffeldt schoss aus dem Rückraum mit voller Wucht seinen Mitspieler Stefan Buck an, von dessen Fuß der Ball an Werder-Keeper Tim Wiese vorbei ins Netz trudelte. Wiese bückte sich nach dem Leder wie jemand, dem ein Feuerzeug aus der Tasche gefallen ist - so überrascht muss der Torwart von diesem Duseltreffer gewesen sein.

Abschlussschwäche nimmt groteske Züge an

In den Minuten zuvor hatte der KSC so ziemlich überall hingeschossen, nur nicht direkt aufs Tor, und wenn, dann direkt in Wieses Arme. Die Abschlussschwäche der Badener, die seit Wochen ein besseres Abschneiden in der Bundesliga verhindert, nahm groteske Züge an: Nicht einmal, als die Bremer Spieler ihn gewähren ließen, weil der Schiedsrichterassistent längst eine Abseitsstellung anzeigte, vermochte es Edmond Kapllani, den Ball im Netz unterzubringen.

Der Stürmer schoss völlig unbedrängt zwanzig Zentimeter am Pfosten vorbei. Die Szene war so surreal, dass das KSC-Personal am Stadionmischpult schon die Tormusik anlaufen ließ, ehe der Irrtum aufgedeckt wurde.

Kapllani war mit dieser Großchance nicht allein - dank der zur Gewohnheit gewordenen Schwäche der Bremer Abwehr, zu weit aufzurücken und bei der Abseitsfalle zu patzen. Auch Sebastian Freis und Lars Stindl vergaben Gelegenheiten so fahrlässig, dass sich die Fans, die zuvor angekündigt hatten, sich erst wieder zu rasieren, wenn der Erfolg zum KSC zurückgekehrt sei, wohl gerne die Haare ausgerupft hätten.

Zum Glück für den Tabellenletzten schien die mangelnde Chancenverwertung an diesem Nachmittag ansteckend zu sein: Auch die Bremer Spieler rauften sich häufig das Haupthaar, allen voran Claudio Pizarro, dreifacher Torschütze beim 5:0 gegen Frankfurt in der Vorwoche, strapazierte seine schwarze Mähne.

Eine hässliche Fratze kommt hinzu

Bereits in der vierten Minute hatte er ein Zuspiel von Aaron Hunt über Torwart Markus Miller hinweg an den Pfosten gechippt. In der 65. Minute traf er abermals nur Aluminium. Der eingewechselte Mesut Özil schoss kurz darauf über das Tor, nachdem er zwei KSC-Verteidiger ausgetanzt hatte. Und Sekunden vor Bucks Tor des Tages scheiterte Markus Rosenberg an Miller. »Man denkt, mit der Leistung aus dem Spiel gegen Frankfurt geht das einfach so weiter. Und dann fehlt der Wille, die nötigen Meter zu machen«, kritisierte Werder-Trainer Thomas Schaaf und fügte an: »Ich kenne die zwei Gesichter meiner Mannschaft.«

Als wäre das für Bremen noch nicht frustrierend genug gewesen, schlug Claudio Pizarro kurz vor Schluss Karlsruhes Martin Stoll ins Gesicht und sah die rote Karte. Sekunden später griff sich Pizarros Teamkollege Diego, von dem im Spiel kaum Geistesblitze zu sehen gewesen waren, den Karlsruher Christian Eichner und würgte ihn mit beiden Händen - allerdings unbeobachtet von Referee.

So kam zu den zwei Bremer Gesichtern noch eine hässliche Fratze hinzu, wovon sich die Karlsruher allerdings nicht stören ließen und den Triumph angemessen feierten. »Ich bin einfach nur glücklich«, sagte Torschütze Buck mit beseelter Miene am Premiere-Mikrofon. Auch die Gesichtszüge von Rolf Dohmen waren nun entspannt und sahen ein bisschen so aus, als würde der KSC-Manager in Gedanken zahlreiche Jubel-SMS formulieren.