Werders jüngster Aufstieg

Konfetti für alle

Weil Bremen endlich wieder Werder-Fußball spielt, taumelt der grün-weiße Anhang wie frisch verliebt durch die Saison. Und hofft inständig auf den Beginn einer echten Beziehung von Dauer.

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Man muss Jan Delay nicht mögen, aber ein Gespür für den richtigen Moment kann man dem Mann nicht absprechen. Zum Start in die Saison 2018/19 veröffentlichte der Musiker seinen neuen Song. Mit Schaaf, Charme und Melone umkreiste er dabei das Weserstadion und besang seine „Grün Weiße Liebe“. Ein Schmachtfetzen, hingebungsvolle Liebeserklärung an den Klub, seine Geschichte, aber vor allem an dieses spezielle Werder-Gefühl, eine Mischung aus unbeugsames Gallierdorf-Feeling, 5:4-Siege und heile Familienfußball-Greenwhitewonderwall-Welt, in der sich erstens alle lieb haben und zweitens auch noch viel gejubelt werden darf. Schönste Szene im Video: wie Thomas Schaaf mit unbeweglicher Thomas-Schaaf-Miene Konfetti verteilt. Ihr Völker der Welt, schienen die bunten Papierschnipsel zu schreien, schaut auf diese Stadt, wo man ganz beseelt ist vom nimmermüden Hipp-Hipp-Hurra-Fußball und dabei trotzdem Eiswürfel pinkelt. Spektakuläres Understatement, Understatement im Spektakel.

Das Werder-Hipphipphurra-Eiswürfelpinkel-Gefühl

Ein frommer Wunsch, dachte man und sah sich das Video wieder und wieder an, bis sich der Delaysche Kehlengesang als Ohrwurm in den Gehörgängen festgesetzt hatte. Dieser im Song herbeigeschmalzte Konfetti-Fußball war zu Beginn der Spielzeit nichts weiter als die Erinnerung an vergangene Heldentaten aus den Nuller-Jahren plus ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten, genährt durch die starke Rückrunde unter Florian Kohfeldt. Aber wer hätte denn wirklich gedacht, dass Werder nach acht Spieltagen auf Tabellenplatz Drei stehen würde, mit 17 Punkten und 15:8-Toren? Dass Werder ganz selbstverständlich auswärts auf Schalke gewinnt und vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen Favorit ist? Mit einer Mischung aus alten Helden und jungen Hoffnungsträgern? Mit Konfetti-Fußball? Wer hätte ernsthaft darauf gewettet, dass diese Mannschaft nicht nur einige wenige Gefühlsexplosiönchen auslöst, sondern eben jenes Werder-Hipphipphurra-Eiswürfelpinkel-Gefühl, grün-weiße Familienbande, Schmetterlinge im Bauch, die mit jedem Flügelschlag an Andi Herzog, Johan Micoud oder Ailton erinnern und doch von Fußballern freigelassen worden sind, die Maximilian Eggestein, Jiri Pavlenka oder Max Kruse heißen?

Vielleicht ja Florian Kohfeldt. Vielleicht ja seine Co-Trainer Tim Borowski und Thomas Horsch. Vielleicht auch Geschäftsführer Sport Frank Baumann, Aufsichtsratsboss Marco Bode, der Technische Direktor und Konfettischmeißer Thomas Schaaf. Weil die Herren schließlich mehr Ahnung von Fußball, von den Entwicklungen im Profigeschäft und vor allem von Werder Bremen haben, als wir Sterblichen, die den aktuellen Aufschwung mit großen Augen betrachten und immer wieder die aktuelle Tabelle aufrufen müssen, weil da nach acht Spieltagen tatsächlich Werder nicht nur Dritter ist, sondern auch noch vor den Bayern steht. Und außerdem, prahlt die Statistik, ist Werder auch im laufenden Kalenderjahr drittbester Klub der Bundesliga. Wobei man allerdings noch einmal deutlich machen sollte, dass seit jeher Spielzeiten und nicht Kalenderjahre über Titel oder Abstiege entscheiden. Alles Schall und Rauch also, aber wer freut sich denn nicht über ein anständiges Feuerwerk?