Wer wird Meister und wer nicht?

Ferngläser für alle!

Ein Drittel der Saison ist gespielt – und noch hat sich keine Mannschaft absetzen können. Wer wird denn nun Meister? Wir nehmen die verdammte Spannung aus dem Spiel und sagen Euch, wie die Tabelle am Ende aussehen wird.  Wer wird Meister und wer nicht? Ein Drittel der Saison ist vorbei, die ersten acht Teams liegen nur fünf Punkte auseinander – und keine Mannschaft scheint derzeit richtig Lust zu haben, am Ende die Silberschale nach Hause zu schleppen.

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Wir haben deshalb einen Wahrsager-Automaten von der Kirmes und eine Schicksalsbillardkugel befragt und zeigen hier schon einmal, wie diese Spielzeit für die einzelnen Vereine ausgehen wird. Oder auch nicht.    

FC Bayern München  

Van Gaal findet zum Ende der Hinrunde endlich das passende System mit sechs Stürmern und drei Verteidigern, in dem die, die weder das eine noch das andere sind, machen dürfen, was sie wollen, nur nicht stürmen oder verteidigen. Größter Profiteur von Van Gaals taktischem Opus Magnum ist Bastian Schweinsteiger, dem die neue Rolle als bewegungsloser Statist im Mittelfeld wie auf den Leib geschneidert  ist. Trotzdem schaffen die Bayern es nicht, die Konkurrenz in Ehrfurcht erstarren zu lassen, weil der einzige Stürmer, der weiterhin kontinuierlich trifft, nicht nur nicht Stürmer und nicht einmal richtiger Fußballer, sondern Kirmescatcher ist.

Das Aufregendste am Bayern-Spiel bleibt dadurch das virtuose Mienenspiel von Van Gaal irgendwo zwischen griesgrämiger Arroganz und arroganter Griesgrämigkeit. So bewahrheitet sich die alte Fußballweisheit, dass ein belgischer Wrestler und ein holländischer Grimassenartist alleine für den Titel zu wenig sind und alles kommt, wie es Uli Hoeneß nach dem 0:0 gegen Stuttgart prophezeit hat: Die Bayern werden wie in der vergangenen Saison Herbstmeister. Also nicht. Und werden wie in der vergangenen Saison Meister.  Also auch nicht. Am Ende der Saison fordert Hoeneß deshalb von der Konkurrenz jene Ferngläser zurück, die er noch vor der Klinsmann-Ära großzügig verteilt hatte, weil er sie jetzt selbst braucht. Für die neuerliche Trainersuche.    

Schalke 04  

Um ihren Schuldenberg abzutragen, müssen die Schalker Rafinha zu den Bayern ziehen lassen, wo er allerdings nur auf der Bank sitzt, weil er weder Innenverteidiger noch Stürmer ist und aufgrund seiner Hyperaktivität und Dynamik auch nicht im Mittelfeld eingesetzt werden kann, wo mittlerweile neben Schweinsteiger auch ein mit Goldfarbe bemalter Napoleon aus der Münchner Fußgängerzone seinen Stammplatz sicher hat. Ohne Rafinha läuft das Spiel der Schalker nun nahezu ausschließlich über die Achse Neuer-Kuranyi. Diese Wiederbelebung eines Kick-and-Rush, bei dem sogar die »Crazy Gang« um Vinnie Jones vor Neid erblasst wäre, führt jedoch dazu, dass Kuranyi wieder seine einzige Stärke, den Kopfball, ausspielen kann und Neuer als erster Torhüter bester Vorlagengeber der Liga wird.  

S04 spielt so lange ganz oben mit. Doch dann macht der DFB den Schalkern einen Strich durch die Rechnung und terminiert die letzten sechs Saisonspiele der Königsblauen kurzfristig auf den Freitagabend, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass die Anstoßzeit um halb neun  zu spät ist für einen Großteil von Magaths Hüpfburgbrigade, die der Managerdespot in der Winterpause noch einmal mit B- und C-Jugendlichen aufgefrischt hat, da er von satten Routiniers wie Schmitz, Moritz oder Zambrano endgültig die Schnauze voll hat. Schalke zieht schließlich nur in den Uefa-Cup ein. Magath verlässt daraufhin Gelsenkirchen für die noch einzig mögliche neue Herausforderung seiner Karriere und wird in Berlin Trainer, Manager und Bürgermeister.    

Hamburger SV  

Nach Petric, Guerrero, Alex Silva und Benjamin verletzen sich auch noch Trainer Labbadia, der bei einem Dressman-Workshop mit Bruce Darnell über seine eigene Föhnwelle stolpert, und David Jarolim, der sich in einem plötzlichen Wutanfall im Training selbst foult, um ein Zeichen zu setzen.  

Bernd Hofmann reagiert auf diese Verletztenmisere, indem er Daniel van Buyten in der Winterpause als Abwehrchef aus München zurück an die Alster holen will. Doch der fast schon sicher geglaubte Transfer platzt in letzter Sekunde, weil der Belgier eine Einsatzgarantie als Mittelstürmer fordert. Die Hamburger fassen sich an den Kopf, und Hofmann versucht daraufhin, zusammen mit Joachim Bublath Zé Roberto zu klonen. Doch auch das misslingt. Nach einem offensichtlichen Pfusch, bei dem auch einige übrig gebliebene DNA-Proben von Ailton, Mpenza und Thiago Neves in die Gensuppe fallen, entsteht eine kugelbäuchige Tingeltangeltänzerin ohne Torinstinkt und Siegeswillen, die sofort  an Hertha BSC ausgeliehen wird.

Die Hamburger müssen so die gesamte Rückrunde mit fünf A-Jugendlichen, neun gesunden Profis und Jerome Boateng auskommen, der wie gegen Gladbach nur noch einbeinig verteidigt, um sich durch dieses waghalsige Alleinstellungsmerkmal einen Platz in der deutschen Innenverteidigung bei der WM 2010 zu sichern. Doch der Plan geht nicht auf, Löw nominiert stattdessen den einäugigen Tasci, der HSV verliert das Gleichgewicht und fällt auf einen Uefa-Cup Rang.    

Bayer Leverkusen  

Leverkusen ist bis Neujahr längst der Topfavorit auf den Titel. Helmes ist zurück, Kießling Nationalspieler, und Toni Kroos ist auch immer noch da und hat sich zur größten deutschen Spielmacherhoffnung seit Mesut Özil gewandelt. Doch dann passiert das, was immer passiert, wenn die Werkself Meister werden könnte: Rudi Völler betont die ganze Winterpause über, dass sich die Mannschaft noch in der Entwicklung befinde und in diesem Jahr ja auch noch nichts werden müsse. Und die Mannschaft, die eigentlich könnte, weil sich auch wollen würde, kann irgendwann nicht mehr, weil sie nicht mehr weiß, ob sie darf. Es ist eben alles ganz schön komplex in Leverkusen.

Jupp Heynckes, der als Trainer im Sommer dann fast zwanzig Jahre ohne deutschen Titel ist, versucht zuerst noch alles, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, ergibt sich dann aber den Gegebenheiten am Rhein und hofft ab Mitte Februar mit einer Art mürrischer Arroganz auf eine Rückkehr zu den Bayern. Als Schweinsteiger-Ersatz im Mittelfeld.

Mitte der Rückrunde haben die Verantwortlichen um Völler die Konkurrenz endgültig auf Überlebensgröße aufgeblasen, und Völler selbst gelingt es zudem auch noch, seine Mannschaft davon zu überzeugen, dass es keine Kleinen mehr gibt. Das führt zwangsläufig dazu, dass die Leverkusener gegen überhaupt niemanden gewinnen können, obwohl die Mannschaft eigentlich wollte. Aber sie musste ja auch noch nicht.  

VfL Wolfsburg  

Die schlechte Nachricht zuerst: Edin Dzeko wechselt in der Winterpause zu einem europäischen Topverein: Bayern München. Wo er im Sechsstürmersystem von Van Gaal den rechten Kreisläufer gibt. Die gute: Alle Überlegungen, Markus Feldhoff zurückzuholen, werden von Armin Veh im Keim erstickt. Grafite, der sich auch noch auf der Tribüne über fehlende Zuspiele seiner Mannschaftskollegen beschwert hatte, verabschiedet sich derweil für einen längeren Sonderurlaub (ab Januar bis Mitte Juni) nach Brasilien. Die einzig verbliebene Spitze Obafemi Martins trifft zwar regelmäßig und wird über eine Wildcard nebenbei Norddeutscher Meister im Kunstturnen, doch seine zehn Rückrundentore reichen nicht für den Titel. Wolfsburg wird lediglich Dritter.

Als Veh deshalb am letzten Spieltag von aufgebrachten VW-Aktionären mit Kutte beschuldigt wird, das so wichtige Feldhoff-Comeback verhindert zu haben, kündigt er seinen Vertrag und wird Magath-Nachfolger auf Schalke.

Werder Bremen  

Die Bremer bleiben noch bis Weihnachten ohne Niederlage, dann aber wird ihr Lauf von der Winterpause unterbrochen, und sie geraten aus dem Tritt. Aaron Hunt wechselt zum FC Liverpool. Damit bricht das Bremer System zusammen, weil Marin plötzlich wieder im Mittelfeld spielen muss und stattdessen Almeida an der Seite von Pizarro stürmt. Dem Portugiesen gelingt es schnell, den Peruaner mit wirren Positionswechseln völlig zu entnerven, und Werders Tormaschine stottert.

Die Bremer halten sich allerdings in der Spitzengruppe, weil Tim Wiese unbedingt noch auf den WM-Zug aufspringen will und deshalb so motiviert ist, dass er sogar den Bremer Feinstaub aus dem Torwinkel fischt. Zur Belohnung darf er sich ab März offiziell »Gerry« Wiese nennen und bekommt eine goldene Hantelbank von »McFit«.

Im Kielwasser des Einmannhandschuhs wachsen auch Mertesacker und Naldo noch einmal über sich hinaus, bis sie zusammen gefühlte fünf Meter groß und für jeden Stürmer unüberwindbar sind. Bald schon kommen extra Chinesen nach Bremen, um sich mit den beiden fotografieren zu lassen. Zur Meisterschaft reicht es allerdings nicht, weil die Bremer zwölf Mal 0:0 spielen. Aber immerhin fährt Wiese zur WM. Als Feinstaubbeauftragter des DFB.  
 
Hoffenheim  

Die TSG spielt sich schon zur Beginn des neuen Jahres in einen wahren Rausch, Ibisevic trifft in der Rückrunde 19 mal und unterschreibt im März einen Vorvertrag bei den Bayern, weil Uli Hoeneß in wütender Torschlusspanik kurz vor der Rente in seiner letzten Saison alle Stürmer der Bundesliga besitzen will.

Rangnick gelingt es nebenbei, die Viererkette noch einmal weiter zu entwickeln, indem er Torwart Timo Hildebrand in die Raumdeckung integriert, die Mannschaft spielt nicht mehr nur gegen den Ball, sondern auch gegen den Gegner und mit dem Ball, und um das Stadion in Sinsheim wird sukzessive eine Stadt errichtet.

Die Euphorie scheint grenzenlos. Alles erinnert an die Hinrunde der Aufstiegssaison, doch dann verlegt Ralf Rangnick seine Taktiktafel mit den Magneten, auf die die Portraits aller Spieler gedruckt sind, und in Hoffenheim geht alle Ordnung verloren. Als er sie vor dem letzten Spieltag wieder findet, ist es schon zu spät. Für den Titel reicht es nicht mehr.

Immerhin gelingt es den Hoffenheimern aber, den VfB Stuttgart  mit einem klaren Sieg in die Zweite Liga zu schicken, was unmittelbar dazu führt, dass Rangnick auch den Rest der Stuttgarter Talente zur neuen Saison nach Hoffenheim holen kann. Und Dietmar Hopp feiert das versöhnliche Ende dieser Saison, indem er Dietrich Mateschitz aufkauft.  

Mainz 05  

Mainz bekommt schon mit Beginn des Karnevals am 11. November einen zusätzlichen Schub. Nun sind die Mainzer nicht mehr nur die Meister der Effektivität, sondern begeistern die Liga auch mit einem Fußball, so schön wie Büttenreden nach dem sechsten Ahlenfelder.

Da sich die Favoriten in Unentschieden und Grabenkämpfen aufreiben, ziehen die Mainzer in der fünften Jahreszeit schnell, aber unbemerkt davon. Ernst genommen werden sie erst, als sie auch nach Aschermittwoch weitersiegen und oben stehen. Im »Doppelpass« erklärt Franz Beckenbauer die Mainzer Ende März zum Meisterschaftsfavoriten. Und auch Uli Hoeneß schiebt dem Karnevalsklub die Favoritenrolle zu. Was eigentlich als psychologisches Störfeuer geplant war, entpuppt sich aber als zusätzliche Motivation für eine Mannschaft, die mit Tim Hoogland plötzlich den besten Rechtsaußen seit Stan Libuda stellt. Selbst dass der Topscorer der Liga, der Österreicher Ivanschitz (12 Tore, 12 Vorlagen bis April) in ein Leistungstief fällt und deshalb wieder Nationalspieler seiner Heimat wird und Thomas Tuchel im ZDF nicht nur der neue Halbzeitexperte wird, sondern auch noch »Lanz kocht« und die Wettervorhersage übernimmt, lässt die Mainzer nicht mehr straucheln.

Am Ende werden die 05er mit beruhigenden sechs Punkten Vorsprung Erster und fahren mit einem improvisierten Rosenmontagszug zum Römer, um sich dort wie die Weltmeister feiern zu lassen. Unter den Feiernden in Frankfurt wird schließlich auch ein älterer Herr mit Bauchansatz und Glatze gesehen. Er hat ein Fernglas um den Hals hängen.