Wer ist Westfalia-Trainer Christian Knappmann?

Immer am Provozieren

Christian Knappmann ist Trainer bei Westfalia Herne. Im Ruhrpott besitzt er Legendenstatus. Doch wie umgehen mit einem, der über sich selbst sagt: »Ich hab ’nen Nagel im Kopp«?

Arne Piepke
Heft: #
208

Der Text stammt ursprünglich aus der 11Freunde #208. Das Heft gibt es überall im Handel und direkt bei uns im Shop.

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Es sind noch 70 Stunden bis Haltern, und das Licht leuchtet rot. Im Konferenzraum von Westfalia Herne erbebt die Stimme eines Glatzkopfs: »Ich könnt’ kotzen, wenn ich den Ballraum sehe!« 22 Spieler, eingemummelt in hellblaue Trainingsklamotten, schauen betreten zu Boden, so dass sich ihre ausrasierten Nacken vom Licht der Deckenbeleuchtung rot färben. Sie sind Tabellensiebzehnter der Oberliga Westfalen, Vorletzter. Ihr Trainer, der Mann mit der Glatze und der bebenden Stimme, stand in den letzten Wochen kurz vor dem Rauswurf. Doch dann kam alles anders. Jetzt kämpft der Trainer. Gegen die Kündigung, gegen den Abstieg und für die Mannschaft. Und die? Hält nicht einmal die Bälle zusammen. Zwölf von 26 sind noch übrig. »Guckt euch mal an!« Die Glatze ist auch ohne Beleuchtung rot angelaufen.

Warum macht er das?

Sie gehört zu Christian Knappmann. 37 Jahre alt, 1,95 Meter groß, richtig schwer. Und seit dreieinhalb Jahren Trainer bei Westfalia Herne. Hier und überall in Westfalen nennen sie Knappmann »Knappi«. Und weil Knappi sich auch selbst Knappi nennt, heißt er auch hier so. Im Ruhrpottfußball ist Knappi auf den ersten Blick die asoziale Konstante. Wenn er wütend wird, balgt er sich mit Fans und gegnerischen Spielern, wirft Schützenfestbänke über Werbebanden und kassiert Platzverweise. Er legt sich mit allen an. Warum macht er das? Und vor allem: Warum macht Westfalia Herne das noch mit?



So wollen sie spielen: Knappi schwört ein. Foto: Piepke

Zu Beginn der Trainingswoche wirft Christian Knappmann ein Kissen mit Leopardenfellmuster in die Ecke und erhebt sich von einem braunen Ledersofa. Zusammen mit Julian, seinem Assistenten, einem 22-jährigen Informatikstudenten, geht es in sein Büro. In einem zehn Quadratmeter großen Raum stehen zwei Schreibtische, ein Flachbildfernseher und drei abwaschbare Tafeln. Hier hat er sich eingerichtet. Auf seinem Schreibtisch befinden sich zwei angebrochene Flaschen Pepsi und ein Rasierapparat, als endgültiger Beweis, dass er sich hier zu Hause fühlt. Knappi schiebt auf einem Klemmbrett runde Magnete vorsichtig umher. »Hm, Hm«, brummt er. Und sucht im Vorbericht der »Reviersport« nach einem Hinweis zur Aufstellung des TuS Haltern, dem Gegner am Sonntag.

Die ersten 15 Minuten

Findet sich aber wenig. Deshalb: Erst mal auf die eigenen Stärken besinnen. Knappi zeigt auf den Bildschirm. Auf die Standards ist er stolz. In der Aufstiegssaison spielte seine Mannschaft immer Ecken auf den ersten Pfosten, die mit dem Kopf verlängert wurden. Am zweiten Pfosten, hinter dem Pulk, stand dann einer blank und schob ein. »Konntest du da machen. War ’ne Pommesliga«, sagt er über die sechste Liga. Eigentlich sei die Oberliga auch eine »Pommesliga«, aber in der Hinrunde hatten sich 14 Spieler in Herne verletzt. Und der Rest? »Bratwürste.« Abseits der Grillbuden-Prosa bastelt Knappi an einem Plan. Er und Julian stellen eine zehnseitige Präsentation zusammen. Sie haben herausgefunden: Westfalia Herne wäre gar nicht Siebzehnter, sondern Tabellenführer, wenn nur die Anfangsviertelstunde zählen würde. Und Haltern, der Tabellenzweite, hat kurz vor der Winterpause drei Tore in den ersten 15 Minuten kassiert. Gegen Sprockhövel war das. Und was Sprockhövel kann, kann Herne auch. »Die ersten Minuten, da gibt’s hier richtig Gewitter«, sagt Knappi.

Der Plan geht am Sonntagnachmittag auf. Das Spiel ist gerade erst angepfiffen, da läuft Westfalia Herne in einem Irrsinnstempo die gegnerische Verteidigung an. Sie haben alles auf ein Blatt gesetzt und gewinnen. Nach 13 Minuten wird ihnen ein Elfmeter zugesprochen: 1:0.

»Die wollen keinen Stress«

Bei der Mannschaftssitzung am Donnerstag präsentiert Knappi seine Analysen. Eckballvarianten, alternativer Anstoß, Videoanalyse. »So wird Haltern spielen«, orakelt er, »kann sich nur auf sechs Positionen ändern.« Haltern ist gut besetzt. Sind aber auch alles Studenten. »Die wollen keinen Stress hier«, brüllt Knappi, die Glatze wieder rot. »Aber die kriegen hier Stress. Weil wir …«, und jetzt klatscht er nach jeder Silbe, »… sind je-de Ak-tion im-mer am Pro-vo-zieren!«