Wer ist eigentlich Ryan Giggs?

Die eine große Schwäche: Frauen

All dies wirft eine naheliegende Frage auf: Wie ist das möglich? Warum wurde ausgerechnet dieser schmächtige Waliser zum Marathonmann des internationalen Fußballs? Im April fand Ferguson eine ebenso knappe wie unbefriedigende Antwort: »Er ist ein einzigartiger Freak.« Freak meint hier soviel wie eine Laune der Natur, doch Giggs hilft der Natur nach Kräften nach. Vor geraumer Zeit entdeckte er Yoga für sich – inzwischen hat er sogar eine Fitness-DVD veröffentlicht, auf der er erklärt, wie man durch Yoga in Form bleibt. Mit Uniteds ehemaligem Konditionstrainer Mick Clegg entwarf er ein Trainingsprogramm, das durch Koordination der Gehirnhälften die Balance verbessert, so lernte er zum Beispiel, wie man mit links Darts oder Tischtennis spielt. (Giggs ist zwar Linksfuß, jedoch Rechtshänder.) Auch Boxen und Gewichtheben gehören fast zur täglichen Routine. Trotzdem hat Giggs natürlich in den letzten zwei Jahrzehnten an Schnelligkeit verloren. Um diesen Nachteil auszugleichen, zog ihn Ferguson vor zwei Spielzeiten vom Flügel ab und stellte ihn ins zentrale Mittelfeld, als Ballverteiler und Regisseur.

»Dieser einwandfreie Mensch hat nur einen Makel, ein einziges Laster, das er wahrscheinlich von seinem Vater hat. Es ist seine Schwäche für Frauen«

Es gibt noch einen Grund für Giggs’ lange Halbwertzeit: seine Cleverness. Als er zu Beginn seiner Karriere keine Interviews geben durfte, vermuteten einige Leute, es läge daran, dass er äußerst schlicht gestrickt wäre. Das ist mitnichten der Fall. »Giggs ist ein heller Kopf«, sagt John Brewin. »Er war klug genug, alles zu vermeiden, was seiner Karriere schaden konnte. Das gelingt nicht vielen.« Auch Andy Mitten bestätigt, dass Giggs’ Zurückhaltung eine Sache des Kalküls ist: »Mitte der Neunziger sagte er mir mal, wie froh er sei, dass David Beckham auf der Bildfläche erschienen war und zum Superstar wurde, der alle Aufmerksamkeit auf sich zog.« So konnte Giggs – wie auch einige andere Mitglieder des Teams, man denke nur an den ebenso medienscheuen und unauffälligen Paul Scholes – im Hintergrund bleiben. Dabei half ihm ein Mann, den Ferguson empfohlen hatte: der im besten Sinne altmodische Berater Harry Swales, der schon für die United-Stars der Sechziger gearbeitet hat. Swales sorgte dafür, dass Giggs nach außen langweilig, aber professionell leben konnte. »Giggs trinkt nicht, er nimmt keine Drogen, er ist nicht dem Glücksspiel verfallen«, sagt Mitten. Doch dann setzt er hinzu: »Dieser einwandfreie Mensch hat nur einen Makel, ein einziges Laster, das er wahrscheinlich von seinem Vater hat. Es ist seine Schwäche für Frauen. Sie führte schließlich zu den Skandalen.«

Die Skandale waren die unerwartetsten des an Eklats nicht armen englischen Fußballs. Im Frühjahr 2011 wollte ein Boulevardblatt enthüllen, dass der seit vielen Jahren verheiratete Giggs eine Affäre mit einer ehemaligen Big-Brother-Kandidatin hatte. Ohne seinen Berater ins Vertrauen zu ziehen, erwirkte Giggs einen gerichtlichen Unterlassungsbefehl gegen die Nennung seines Namens. Das machte aus einer eher kleinen Story ein Riesending. Natürlich lüfteten Blogger schon bald die Identität des »ungenannten Fußballers« und nun war die Presse auf seinen Fersen. Nur drei Wochen später meldete die »News of the World« auf der Titelseite, dass Giggs auch eine langjährige Affäre mit der Ehefrau seines Bruders hatte. Mit einem Mal war der Saubermann des englischen Fußballs die Hauptperson einer Schmuddelgeschichte.
Und was tat Giggs? Das, was er immer tat. Er spielte und spielte und spielte. Ein halbes Jahr nach den Enthüllungen, im Februar 2012, lief er zum 900. Mal für United auf. In Norwich. In der dritten Minute der Nachspielzeit schoss er das Siegtor für seine Mannschaft.

»Das Interessante ist, dass diese Skandale seinem Image gar nicht wirklich geschadet haben«, sagt David Hall. »Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall, denn nicht wenige Leute haben gesagt: ›Schau an, der ist ja doch nicht so glattgebügelt und perfekt.‹ Man könnte fast sagen, es hat Ryan Giggs menschlicher erscheinen lassen.«

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Wer ist Ryan Giggs? Ist er wirklich, wie eine Online-Abstimmung vor zwei Jahren ergab, der »größte Manchester-United-Spieler aller Zeiten«? John Brewin und Andy Mitten, die beiden glühenden United-Fans, lassen die Frage einen Moment sacken. »Es kommt sehr darauf an, mit wem man spricht«, sagt Brewin schließlich ausweichend. »Die Leute wären überrascht, wenn sie wüssten, wie viele United-Fans der Meinung sind, dass Giggs niemals die Klasse erreicht hat, zu der er fähig gewesen wäre. Es passierte zum Beispiel oft, dass er nicht mehr am Spiel teilnahm, die Hände in die Hüften stemmte – eine klassische Giggs-Pose – und vorwurfsvoll oder enttäuscht auf den Boden blickte.« Mit vielsagendem Lächeln setzt Brewin hinzu: »Manche Leute wunderten sich auch, dass er immer dann plötzlich zu großer Form auflief, wenn sein Vertrag endete und noch kein neues Angebot vorlag.« Andy Mitten hingegen sagt: »George Best war besser, Eric Cantona charismatischer und Bryan Robson wichtiger für die Mannschaft. Aber wenn man alles zusammennimmt, dann wird man sich in der Tat an Ryan Giggs als den größten Spieler erinnern, den United jemals hatte.«

Noch aber ist es zu früh, die Vergangenheitsform zu wählen. Möglicherweise viel zu früh. Im März verlängerte Giggs seinen Vertrag um ein weiteres Jahr, und Alex Ferguson ist sich sicher, dass der Spieler auch die Saison 2014/15 noch dranhängt. Wenn sie endet, wird Giggs 41 Jahre alt sein. Kein Alter, möchte man meinen, immerhin lief der große Stan Matthews sogar mit 50 noch in der ersten Liga auf. (Ganz ohne Yoga.) Und wer weiß, vielleicht spielt Giggs einfach weiter und weiter, bis in alle Ewigkeit? Schließlich haben viele Leute ja auch das Gefühl, er wäre schon immer dagewesen. 



Vor ziemlich genau zwanzig Jahren erzählte George Best einem Reporter, dass er immer wieder denselben Traum habe. So wie manche Menschen oft träumen, dass sie plötzlich wieder in der Schule sind und eine Prüfung ansteht, so träumte Best, dass er zurück in den sechziger Jahren wäre, um für United zu spielen. Aber nicht als ranker, schlanker 22-Jähriger, sondern als beleibter, hüftsteifer Mann von 47 Jahren. In diesem Traum macht Best sich Sorgen, ob sein Trainer Matt Busby ihn in diesem Zustand überhaupt spielen lassen wird, deswegen wartet er nervös auf die Bekanntgabe der Aufstellung von Manchester United. Als er endlich den Zettel sieht, ist er erleichtert. Alle seine alten Kollegen – von Alex Stepney und Denis Law bis Paddy Crerand – sind dabei, und auch sein eigener Name ist aufgeführt. Dann stutzt George Best. Ganz am Ende der Aufstellung dieser Zeitreisenelf taucht ein überraschender Name auf. Dort steht: »Nummer 11 – Ryan Giggs«.