Wer ist dieser Dimitri Payet?

Der will nur spielen

Erst Tor, dann Tränen: Dimitri Payet erlöste gestern die französische Mannschaft. Plötzlich lieben ihn alle. Trotz einer Gabe, die die meisten Trainer zur Verzweiflung treibt.

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Sein Trainer Slaven Bilic sagt: »Für mich spielt er auf einem Level mit Mesut Özil.« Özils Trainer Arsène Wenger wiederum sagt: »Er hat großes Talent, ist aber zu unbeständig. Wir haben ihn schon lange beobachtet. Seine Karriere war immer ein Auf und Ab.« 

Also wechselte Dimitri Payet, 29, vor dieser Saison nicht zu den Gunners, sondern zu West Ham United. Nach einem Abstecher in die Championship erst in der dritten Saison wieder erstklassig. Ansonsten zumeist im Mittelmaß verfangen. Ein Traditionsklub, berühmt vor allem für seine Talente: Bobby Moore, Rio Ferdinand, Frank Lampard und und und. Wofür der Klub nicht gerade berühmt ist: sportliche Erfolge.

West Ham stänkert

Doch in dieser Saison scheint alles anders. West Ham stänkert gegen die Großen und das eigene Schicksal. Zwischendurch sah es sogar danach aus, als könnten die Jungs vom Boleyn Ground um Platz vier und die Champions League mitspielen. Vor dem letzten Spieltag steht die Mannschaft auf Platz sechs und kann mit einem Sieg gegen Stoke City aus eigener Kraft die Europa League erreichen.

Dank Trainer Slaven Bilic. Einer dieser Typen, die nur dank ihrer Ausstrahlung Licht ins Dunkel zu bringen scheinen. Und dank Dimitri Payet. Einer dieser Spieler, die man einfach lieben muss.

Als wäre alles nur ein Spiel

Weil ihr naturgegebenes Talent sie Dinge machen lässt, für die wir nicht einmal genug Fantasie besäßen, sie zu träumen. Und weil sie uns doch mehr ähneln, als all die überdisziplinierten, angepassten Profi-Roboter.

Anders Dimitri Payet. Er wirkt nicht wirklich austrainiert. Man meint ein kleines Bäuchlein zu erkennen. Vielleicht sind es auch nur die gleichen schweren Knochen, mit denen einst etwa »Kugelblitz« Ailton gestraft war, an dessen Payets Bewegunsablauf zuweilen erinnert. Alles etwas kantig, auf den ersten Blick wenig elegant. Dann aber lässt er sie reihenweise stehen, die eisenharten Verteidiger Englands. Läuft ihnen davon, macht ihnen Knoten in die Beine. Als wäre die Premier League einfach nur ein Spiel.

Und das ist dann auch schon das ganze Geheimnis. Dass Slaven Bilic und West Ham ihn einfach spielen lassen. So sagt der Kroate: »Er (Payet) genießt es hier, das ist offensichtlich. Er genießt jedes Training, jede einzelne Minute, die er hier ist.«  Nimmt man einem wie ihm den Spaß, versucht ihn zu ändern, geht bei Payet gar nichts mehr. So war es schon, als er noch ein kleiner Junge war.

Der Nordwesten Frankreichs — ein Schock

Geboren auf La Réunion, diesem französischen Übersee-Département im Indischen Ozean, zog es ihn im Alter von zwölf Jahren auf das französische Festland. In die Jugendakademie von Le Havre. Sein Talent hatte sich schnell herumgesprochen. Doch Payet kam nie so richtig an im Nordwesten der »Grande Nation«. Wetter und Mentalität standen im krassen Gegensatz zu seiner Heimat. Auch mit dem harten Drill in der Nachwuchsabteilung Le Havres kam Payet nur schwer zurecht. Sie warfen ihm vor, es fehle an Motivation und Disziplin. Es waren die Leierkastensprüche derer, die selbst nie genug Talent hatten. Die sich alles hart erarbeiten mussten. Nicht, dass daran etwas verkehrt wäre. Es war nur eben verkehrt für einen Jungen wie Payet.