Wer ist der neue VfB-Trainer?

Willig, das Kampfschwein

Nico Willig ist im Profi- und Aktivenbereich ungefähr so praxiserfahren wie die Spieler von Hannover 96 beim Torjubel. Kann er dem VfB trotzdem neues Leben einhauchen?

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Der Anruf, der sein Leben zum zweiten Mal binnen weniger Tage auf den Kopf stellen sollte, erreichte Nico Willig an jenem Samstagabend, an dem der VfB Stuttgart mit 0:6 in Augsburg unterging – im Auto. Auf dem Beifahrersitz seines schwarzen Kleinwagens: Willigs langjähriger Teamkollege bei der TSG Balingen und Trauzeuge Martin Taube. Am anderen Ende der Leitung: Thomas Hitzlsperger, Sportvorstand des VfB Stuttgart. »Dein Chef ruft an«, hatte Taube noch gescherzt. »Der will wohl übers Augsburg-Spiel sprechen.«

Hitzlsperger hatte Willigs Nummer jedoch nicht etwa gewählt, um dem frisch vermählten Ehemann zu seiner standesamtlichen Trauung zu gratulieren, derentwegen Taube schließlich aus Frankreich auf die Schwäbische Alb gereist war. Der Stuttgarter Sportvorstand bot seinem bisherigen U19-Trainer stattdessen die Weinzierl-Nachfolge an – interimsweise, bis zum Saisonende. »Nico schluckte erst einmal«, erinnert sich Taube. Doch nach einem kurzen Gespräch sagte Willig zu. Er müsse nur noch kurz nach Hause, seine Tasche packen, habe sich der designierte VfB-Interimscoach empfohlen. Der Männerabend war verschoben.

Kann ein unbekannter Jugendtrainer dem VfB neues Leben einhauchen?

Schon auf der Heimfahrt sinnierte Willig über Personalien und die ersten Einheiten. Auch war Willig schnell klar, dass seine allererste Ansprache vor den zuletzt übel unter die Räder gekommenen Stuttgarter Spielern entscheidend sein würde. Er, ein unbekannter Jugendtrainer, der als Aktiver nie über die fünfte Liga hinauskam, sollte diesen gestandenen Bundesliga-Profis nun neues Leben einhauchen? »Er sprühte vor Entschlossenheit und Motivation. Er war sofort in seiner neuen Aufgabe und wusste, dass er diesen Optimismus auf die Mannschaft übertragen muss«, sagt Taube.



Am nächsten Morgen brach Willig aus der 80 Kilometer entfernten Kleinstadt Balingen, wo der Familienvater wohnt, zur Mission Klassenerhalt auf. Zwar blieb der Parkplatz des Cheftrainers, den Markus Weinzierl am Vorabend räumen musste, neben den Stern-Karossen der VfB-Profis zunächst weiter verwaist. Denn Willig zog es vor, seinen Wagen auf den umliegenden Parkräumen abzustellen – zu surreal muss ihm seine Ernennung zum Chefcoach des »Brustrings« da noch vorgekommen sein. Um punkt 10:30 Uhr am Ostersonntag stand ein Coach auf dem Trainingsgelände in Cannstatt, ein im Bundesliga-Geschäft gänzlich unbekannter: Nico Willig, 38 Jahre alt, seit 2016 VfB-Jugendtrainer, und im Profi- und Aktivenbereich ungefähr so praxiserfahren wie die Spieler von Hannover 96 beim Torjubel.

»Er war auf dem Feld teilweise ein Verrückter«
 
Eine Woche später führte der Trainer-Nobody den angeschlagenen Traditionsverein, der primär um die Relegation kämpft, gegen Gladbach zum ersten Dreier (1:0) nach zuvor sechs sieglosen Spielen – und gab einer ganzen Fußballstadt einen Funken Hoffnung zurück. Willig forderte Mut zum Offensivfußball und Leidenschaft – und bekam beides. Er verhalf dem Stuttgarter Komapatienten von der Intensiv- auf die Krankenstation, wie er später sagen sollte. Zumindest vorerst. Vor allem aber rannte und sprang der U19-Coach an der Seitenlinie auf und ab wie einst Willi Landgraf als Rechtsverteidiger von Alemannia Aachen.

»Willi, das Kampfschwein« hatte man Landgraf ob dessen leidenschaftlicher Spielweise einst am Tivoli genannt. Von seinen Teamkollegen bei der TSG Balingen bekam Willig schnell den Spitznamen »Willi« statt Willig verpasst, in Anlehnung an Landgraf. »Er war auf dem Feld teilweise ein Verrückter – im positiven Sinne«, erinnert sich Taube an den früheren Balinger Rechtsaußen, der seinen Heimatverein 2008 als Kapitän in die Oberliga führte; ein bissiger Zweikämpfer, ein passabler Flügelläufer und Flankengeber. »Vor allem aber war er lautstark, auch gegenüber den eigenen Leuten. Einer, der auf dem Platz ein Zeichen setzte, aber das Spiel schon damals taktisch anders las als wir alle«, sagt Taube.