Wer ist Ante Sapina?

Der Navigator

Er selbst sagt über sich: »Ich bin ein Zocker.« Für die Öffentlichkeit ist Ante Sapina schlicht ein Wettbetrüger mit hoher krimineller Energie. Wer ist der Mann, der nach dem Hoyzer-Skandal 2005 erneut Fußballspiele verschoben haben soll? Wer ist Ante Sapina? Es ist »der größte Betrugsskandal, den es bisher im europäischen Fußball gegeben hat« (UEFA-Sprecher Peter Limacher) und ein Mann ist wieder  ganz vorne mit dabei. Ante Sapina. Die deutsche Fußball-Öffentlichkeit kennt den Mann mit den kroatischen Wurzeln spätestens seit dem Skandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer als Drahtzieher einer organisierten Betrügerbande, die mit verschobenen Fußball-Spielen Millionen erbeutete. Jetzt, immer noch auf Bewährung, soll Ante Sapina erneut zur Führungsbande gehören, der die Staatsanwaltschaft Bochum gewerbsmäßigen Betrug bei Fußball-Wetten vorwirft. Mehr als 200 Spiele in Europa sollen betroffen sein. Wer ist der Mann, der Europas Fußball in seinen Grundfesten erschütterte?

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Konkrete Informationen aus dem Bekanntenkreis bekommen Journalisten dieser Tage nicht. Im berühmt-berüchtigten »Café King« in Berlin-Charlottenburg, geht niemand ans Telefon. Der Name des Wettlokals galt während des Hoyzer-Skandals als Synonym für den geplanten Betrug im deutschen Profifußball. Als Betreiber ist Milan Sapina, der älteste der drei Sapina-Brüder, eingetragen. Auf der Homepage kokettiert der Besitzer mit dem fragwürdigen Ruf der Lokalität: »Sie stehen davor und denken: Ach, sieh mal einer an, das ist also das berühmte Café King! Treten sie doch bitte ein...«

Er ist immer noch auf Bewährung

Auch Steffen Karl, im Hoyzer-Betrug Mittelsmann für Sapina, will sich zu seinem einstigen »Geschäftspartner« nicht äußern. Karl ließ sich, gemeinsam mit seinem Mitspieler Marcus Ahlf, als Verteidiger des Chemnitzer FC für ein Spiel gegen Holstein Kiel schmieren, und soll anschließend »das Geld zu Recht bekommen« haben (Sapina). Auf Anfrage von 11FREUNDE sagt Karl: »Ich habe einen Fehler gemacht, und wurde dafür bestraft. Zu diesem Thema möchte ich nichts mehr sagen.« Die biografischen Details zu Ante Sapina sind dürftig. Allein seine Zeugenaussagen vor dem Gericht dienen als Hinweise auf Herkunft und Sozialisation. Ein klares Profil lässt sich damit schwerlich zeichnen.

1979 wohl in Duisburg als Sohn kroatischer Eltern geboren, soll Sapina mit 19 Jahren das große Licht aufgegangen sein. »Es machte mehr Spaß, sich Spiele anzusehen, wenn man auf sie gewettet hatte.« Das Geld für die ersten Wetten verdient sich der junge Sportfan als Mitarbeiter der Spielautomatenfirma seines Bruders Milan, als Fußballer für den Berliner Amateurklub CD Croatia und Schneeschieber in der winterlichen Hauptstadt.

Spielautomaten und Schneeschieber

Das erste große Geld macht der eingeschriebene Student 2000, als er zu Saisonbeginn der Bundesliga 50.000 D-Mark auf die Meisterschaft von Bayern München setzt und nach dem dramatischen letzten Spieltag – den die Münchener doch noch als nationaler Meister beenden – um 100.000 D-Mark reicher ist. Der Einstieg als »High Roller«, unter Profizockern quasi die Eliteliga, ist perfekt.

In der Folge verschleudert der junge Berliner Unsummen, verdient sich aber gleichzeitig eine goldene Nase. Monatlich, so erklärt er 2005 dem Gericht, habe er bis zu 400.000 in Sportwetten investiert. »50.000 oder 60.000 Euro waren kein hoher Wetteinsatz«, bestätigte Sapina bereits 2005. In der Folge reißen sich die großen Lotterien um den Dukatenesel aus Charlottenburg. Als er bei einer verlorenen Wette 300.000 Euro in den Sand setzt, überbringt ihm ein Oddset-Mitarbeiter »schöne Grüße« und als Trostpflaster einen Kugelschreiber plus Feuerzeug. In der Hauptstadt ist er bald bekannt wie ein bunter Hund. »In Berliner Wettbüros durfte ich nicht mehr spielen. Man wusste, wenn einer in der Stadt groß abgeräumt hat, bin meistens ich das gewesen.«

Ein gewisses Talent für das Spiel mit Zahlen und Quoten darf man Sapina tatsächlich anrechnen. Nach dem »Geständnis des Wettpaten« (spiegel-online vom 20. Oktober 2009) zeichnete Journalist Mike Glindmeier jedenfalls das Portrait des leidenschaftlichen Zockers. »Überhaupt scheint sich sein ganzes Leben nur um Wetten zu drehen. Der ehemalige Student [...] kann sich in seinen Ausführungen über die von ihm manipulierten Spiele an jedes noch so kleine Detail erinnern. Wo er an welchem Tag welchen Wettschein abgegeben hat. Dass das Tor zum Ausgleich von St. Pauli in Braunschweig von Hoyzer wegen angeblich zu hohen Beins [..] aberkannt wurde. [...] All diese Angaben spuckt er aus, wie ein Computer.«

»Das Geständnis des Wettpaten«

Ein gewisses manisches Verhalten lässt sich nicht verbergen. Unter anderem wird sein makabres Verhalten öffentlich, Quittungen von besonders hohen Wettverlusten in seinem Bettkasten aufzubewahren. Und tatsächlich befindet der Psychologe Dr. Werner Platz im Zuge des Hoyzer-Prozesses über seinen Patienten Ante S.: Er ist spielsüchtig. Was diesen zu einem »pathologischen Spieler« und damit vermindert schuldfähig macht. Seit 1990 ist Spielsucht eine in Deutschland anerkannte Krankheit. Vor allem aber scheint Sapina das Geschick, die Organisationskraft und nicht zuletzt die kriminelle Energie zu haben selbst als Freigänger und Straftäter auf Bewährung weiterhin ein europaweites Netzwerk der Spielmanipulation zu führen. Von seinen Freunden wird Sapina ehrfürchtig »der Navigator« gerufen. Das zwielichtige Spiel aus Bestechung, Anbiedern, Bedrohung und Überredungskunst hat Sapina in den vergangenen Jahren offenbar so gut gespielt, wie kein anderer.

»Ich bin ein Zocker«, sagte Ante Sapina im Prozess vor vier Jahren, »und Hoyzer ist nun mal geldgeil.« Eine gefährliche Allianz und die gegenwärtige Debatte um den »größten Betrugsfall im europäischen Fußball« zeigt, dass es viele Robert Hoyzers in der Welt des Fußballs gibt. Reichlich Nährboden für den »Navigator«, der vor Gericht in Bezug auf den von ihm so leicht manipulierten Schiedsrichter ein kroatisches Sprichwort bemühte: »Man muss einen Frosch auch nicht überreden, ins Wasser zu springen.« Eine Metapher, die nun wieder brandaktuell ist.