Wenn Vater und Sohn ins Stadion gehen

Verlustängste und Biermangel

Dann ist der Satansbraten plötzlich weg, verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Panisch irrlichtert der Blick des Vaters umher. Wie will er das der Mutter erklären, wie dem Jugendamt? Im Hintergrund stimmen Soul Asylum bereits diskret die ersten Akkorde von »Runaway Train« an. Dann aber entdeckt der Vater den Sohn, die Musiker packen enttäuscht ihre Instrumente wieder ein. Das Kind steht am Merchandise-Stand und befingert erwartungsvoll das kreischbunte Auswärtstrikot, dass der Klub wegen mangelnder Absatzzahlen preislich heruntergesetzt hat.
Sekunden später krakeelt das Kind, weil es vom Vater ohne das Trikot die Treppen zum Block hinaufgeschleift wird. Zum Familienblock, um genau zu sein. Natürlich hätte man auch Stehplatzkarten erwerben können. Oder stinknormale Sitzplätze auf der Haupttribüne. Aber die Klubs wissen, wie sie die Väter kriegen. Verrückte da draußen, willkommen beim Preis! Mit tückischen Dumpingpreisen locken sie die kostenbewussten Kleinstfamilien ins Reservat. Mitten im Stadion ist eine Art Prenzlauer Berg im Miniformat eingerichtet worden: Kinder, wohin man blickt.

Umso schwieriger erweist sich nun für Vater und Sohn der Weg zu den Plätzen. Es ist kaum ein Durchkommen. Denn anders als in normalen Blöcken, wo sich spätestens zum Anpfiff alle aufs Spiel konzentrieren, herrscht im Familienbereich während der neunzig Minuten ein ständiges Gewimmel wie im Berufsverkehr in Bangkok. Alle dreißig Sekunden muss aufgestanden werden für einen Vater, der sein Kind zum Klo eskortiert. Wieder hinzusetzen lohnt sich nicht, denn just in diesem Moment kommt bereits ein anderer Erziehungsberechtigter mit Sohn zurück von der Notdurft. Nur in der Pause, wenn endlich Gelegenheit zum Toilettengang wäre, verspüren die Kinder keinerlei Drang. Stattdessen schütten sie jene Familienflasche Cola in sich hinein, die sie bei Kilometerstein 8 auf dem Fußmarsch zum Stadion versprochen bekommen haben, damit sie bloß wieder aus der Hecke am Straßenrand rauskommen. Eine letzte Nachfrage kurz vor Wiederanpfiff und die Versicherung des Sprösslings: »Ich muss nicht!« Kurz nach Wiederanpfiff muss der Sprössling doch. Und es gehört zu den Irrationalitäten des Fußballs, dass just in dem Moment, in dem der Vater den Sohn in die Sanitärabteilung drängt, das einzige Tor eines ansonsten niveau­armen Spiels fällt. Aber das ist ohnehin nur für den Vater bedauerlich. Der Sohn reagiert zumindest äußerlich unbeeindruckt auf den neuen Spielstand, für ihn und die anderen Kinder ist der eigentliche Höhepunkt des Spiels ohnehin ein anderer: wenn endlich das Maskottchen vorbeikommt.

Stimmung wie auf der NKOTB-Welttournee 1989

Das plüschige Ungetüm ist natürlich nicht so doof, wie es aussieht, und weiß, dass es vor dem Familienblock ein Heimspiel hat. Während es an der Fankurve so schnell vorbeihastet, wie es ihm seine unförmigen Füßen erlauben, so lungert es nun penetrant vor dem Zaun des Familienareals herum und winkt sich einen Wolf. Die Kinder fallen prompt drauf rein. Schon herrscht eine Stimmung wie auf der NKOTB-Welttournee 1989. Ekstase pur. Nicht wenige Kinder scheinen tatsächlich zu glauben, dass im Kostüm ein Tier versteckt ist. Klar, der letzte Dino der Welt lebt im Hamburger Volkspark. Aber diese Kinder halten vermutlich auch den Heidepark Soltau für eine unberührte Urstromlandschaft.

Ist das Maskottchen endlich weitergewankt, fühlt sich der Vater spontan an Sartre erinnert. L’enfer, c’est les autres. Die Hölle, das sind die anderen. Die anderen Väter. Die nehmen nämlich die Mission, den Nachwuchs für den Fußball zu begeistern, auf unterschiedlichste Weise schrecklich ernst. Einer glaubt, ungeachtet des mauen Kicks beständig den Turbo anwerfen zu müssen, um dem Kind die unglaubliche Faszination des Stadionbesuchs klarzumachen. Also rauft er sich die Haare, springt bei jeder Halbchance erregt auf, feuert an und wirkt dabei ungefähr so ungekünstelt wie das Mienenspiel eines Erstklässlers in der Clownschule. Ein anderer scheint den Nachwuchs auf einen Job als Meckerrentner vorbereiten zu wollen und mosert sogar in der Pause noch mit erstaunlicher Ausdauer über das in seinen Augen höchst mangelhafte Aufwärmprogramm der Ersatzspieler. Ein Dritter schließlich bimst seinem sechsjährigen Sohn die Feinheiten moderner Fußballtaktik ein und doziert ausgiebig über flache Fünfen, Rauten und Doppelsechsen, mit dem deprimierenden Ergebnis, dass das Kind nur eine Nachfrage spieltaktischer Natur hat: ob das Maskottchen noch mal vorbeikommt.

Niemand trinkt hier Bier

Ein Bier wäre nun gut, findet der Vater. Aber niemand trinkt hier Bier. Vorbildfunktion! Es raucht auch keiner, was im Fußballstadion ungefähr so üblich ist wie im Puff der Wunsch nach guten Gesprächen. Normalerweise sitzt immer jemand mit erloschener Kippe oder gerade frisch angezündeter Filterzigarette nebenan. Wer nun allerdings glaubt, sich auch im Familienblock ganz ungezwungen eine anstecken zu können, sollte aushalten können, dass sich in Sekundenschnelle die Schalensitze ringsherum leeren, Väter ostentativ husten oder imaginären Rauch wegwedeln und den quarzenden Störenfried am liebsten von Ordnern wegschleifen lassen würden.

Irgendwann, ein sehnsuchtsvoller Blick auf die Uhr. Wann ist es endlich vorbei? Jetzt. Schlusspfiff. Allgemeines Rätselraten im Familienblock, wie das Spiel wohl ausgegangen sein mag. Schätzungen des Endergebnisses machen die Runde.

Im Auto, natürlich wurde er getragen, schläft der Sohn erschöpft ein. Die Biologie hat es so eingerichtet, dass der Vater in Rekordzeit all die Strapazen der letzten Stunden vergessen hat und beim Blick in den Rückspiegel plötzlich von Rührung ergriffen wird. War ja doch ganz schön. Nein, war es nicht, möchte man ihm als Wohlmeinender zurufen. Aber er hört ja nicht. Natürlich darf der Sohn beim nächsten Mal wieder mit. Der Vater hofft wie Hornby: Irgendwann wird er sich in den Fußball verlieben wie später in Frauen. Und er wird keinen Gedanken verschwenden an den Schmerz und die Zerrissenheit, die damit verbunden sein würden. Vor allem für den Vater.