Wenn Kuranyi nicht zur WM fährt

Held des Misserfolgs

Obwohl Kevin Kuranyi der derzeit beste deutsche Stürmer ist, wird er nicht mit zur WM fahren. Joachim Löw geht damit auch ein Risiko jenseits der sportlichen Planung ein: Mit Kuranyi hätte ein frühes Ausscheiden ein Mahnmal.  Wenn Kuranyi nicht zur WM fährt Niemand weiß heute schon, wie die deutsche Nationalelf bei der WM abschneiden wird. Aber viele ahnen: Wenn sie nicht mindestens ins Viertelfinale kommt, wenn vor allem das offenbar gesetzte Stürmergespann Podolski/Klose nicht reüssiert, hat Deutschland einen Märtyrer. Und auch noch einen mit Jesus-Bärtchen. Perfekt! Sein Name ist: Kevin Kuranyi.

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Damit hätte der Misserfolg ein Gesicht, oder besser bzw. schlimmer: der ausgebliebene Erfolg. Das, was hätte sein können, wenn... Es wäre alles viel besser gelaufen, wenn... Hätte, wenn und aber.

Der Konjunktiv – Trainer hassen ihn, weil er mit allen Eventualitäten spielt, die ein in weiten Teilen immer noch auf Zufall beruhendes Spiel hervorbringen kann. Und das sind viele. In diesem Fall jedoch könnte Joachim Löw die Spekulation selbst vermeiden. Den derzeit besten deutschen Stürmer zu nominieren, das wäre reinste Wirklichkeitsform.

Er tut es dennoch nicht. Und genau darüber könnte Bundestrainer Joachim Löw in diesem Sommer schwer straucheln. Die Frage: »Ist er denn wahnsinnig, den nicht mitzunehmen?«, sie geht schon jetzt recht leicht über die Lippen. Sie wird zum geflügelten Wort werden, wenn Miro und Poldi die Hütte nicht treffen. Löw muss das wissen. Dass er dieser potentiellen Zukunft so bockig entgegengeht, kann man konsequent finden. Aber ist es auch gut?  

Schon diese Frage ist eigentlich müßig. Denn er nimmt ihn nicht mit, jede Wette. Trotz seiner 17 Saisontore. Allzu kategorisch hat er dies in der Vergangenheit ausgeschlossen. Menschen in staatstragenden Funktionen korrigieren sich nicht. Man könnte es ihnen ja als Fehlbarkeit auslegen. Deswegen behauptet Norbert Blüm heute noch ferkelvergnügt, die Rente sei sicher. Nach dem Motto: Ich irre mich nie, und wenn es doch mal so aussieht, dann hat sich eben die Wirklichkeit vertan.

Man muss es sich noch einmal vergegenwärtigen: Auslöser für den Rausschmiss des Stürmers war dessen Flucht von der Tribüne des Dortmunder Westfalenstadions bei einem WM-Qualifikationsspiel gegen Russland am 11. Oktober 2008. Eine zumindest diskutable Idee des Bundestrainers, einen Schalker inmitten von BVB-Fans zu drapieren und ihn den Ehrabschneidungen auszusetzen. Dann reagierte Löw im nächsten Schritt auch noch mit blankem Unverständnis, als Kuranyi das Weite gesucht hatte, und entfernte schließlich den ganzen Mann schon einen Tag später aus dem Kreise der Nationalmannschaft, obwohl dieser sich entschuldigt und auch öffentlich zutiefst zerknirscht gezeigt hatte. 

Man ist ja im Krieg, schon vergessen? 

»Deserteur«, »Fahnenflüchtiger« – so musste sich Kuranyi hernach von einschlägigen Revolverblätterm nennen lassen. Man ist ja im Krieg, schon vergessen? Mit der gleichen Verve fordern diese Medien Löw nun zum Umdenken auf, Jupp Heynckes und Felix Magath werden als Gewährsmänner zitiert. Erstaunlich, wie wachsweich moralische Kategorien auf dem Boulevard werden, wenn die Torquote stimmt: Der Mann, dem man mangelnde Loyalität vorwarf, soll nun auf einmal Erfolgsgarant sein. Was kümmert sie ihr Geschwätz von gestern?

Löw lässt sich davon nicht beirren. Seit je her haben Bundestrainer eine geradezu paranoide Angst davor, dass ihr Kader deckungsgleich ist mit dem, den die breite Masse zusammengestellt hätte. Phantasienominierungen wie die von David Odonkor 2006 sollen möglicherweise suggerieren, dass sie über ein Geheimwissen verfügten, das sie über den Pöbel erhebt. Ebenso wenig wollen sie sich Volkshelden in den Notizblock diktieren lassen, deshalb verbannte Derwall Schuster, Vogts Effenberg. Der paradoxe Effekt: Je weiter diese Spieler vom Kreise der Nationalelf entfernt sind, desto volksheldenhafter werden sie – Märtyrer eben.

Auch Kuranyi ist im Begriff, einer zu werden. Sein Vorteil: Sportliche Kritik kann diesen metaphysischen Status nicht ankratzen – wer nicht spielt, kriegt keine Sechs. 

Die Wucht einer solchen Figur schreckt Löw offenbar nicht. Er stellt seinen persönlichen Stolz hier über die objektiv richtige Entscheidung. Neutraler formuliert: Die Räson eines Bundestrainers ist nicht immer mit Volkes Wille vereinbar. Schon wird gemunkelt, es sei mehr vorgefallen als nur der überstürzte Abgang von der Tribüne.

Doch was? Kuranyi mag allzu enttäuscht gewesen sein über seine Rolle als Stürmer Nummer 3 oder sogar 4. Bei der WM 2006 war er von Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann gar nicht berücksichtigt worden, ein dreiviertel Jahr später feierte er ein starkes Comeback und schoss zwei Tore beim Sieg gegen Tschechien, einem der stärksten Spiele in der Ära Jogi. Gegen Dänemark war er sogar Kapitän, saß aber bei der EM nur auf der Bank. Und in Dortmund schließlich auf der Tribüne.

Welche Worte einem Fußballer rausrutschen, der seine besten Jahre im Schwebezustand zwischen Nutella-Boy und Gomez-Backup (des jungen Kollegen also, den er beim VfB Stuttgart einst selbst anlernte) verbringt, werden wir wohl nie erfahren. Aber wir können es uns auch so recht lebhaft vorstellen.

Erfolgreiche Zermürbungstaktik?

»Es war wie ein Luftballon, der geplatzt ist: erst die Nichtnominierung für die WM, dann bekam ich keine richtige Chance bei der EM – und schließlich dieser Abend auf der Tribüne«, so Kevin Kuranyi im Interview mit 11FREUNDE. Wer Löw Böses will, könnte Kuranyis Kurzschlusshandlung als erfolgreiches Ende einer Zermürbungstaktik bezeichnen. »So wie Kevin gestern reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren, und deshalb werde ich ihn auch in Zukunft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominieren«, heißt es in einem »Exklusiv-Interview«, das der Bundestrainer seinem eigenen Verband gab und das noch immer auf der DFB-Homepage vorgehalten wird. Löw verzeiht offenbar nicht, wenn man patzig wird. Oder besser: Nicht jedem. Nicht Frings. Nicht Kuranyi. Aber Poldi – dem sieht er sogar nach, wenn er Kapitän Michael Ballack auf freiem Felde eine langt. Es muss geil sein, Lukas Podolski zu sein. Geiler jedenfalls, als Kevin Kuranyi zu sein.
 
Podolski und Kuranyi: Das ist das Stichwort. In der realen Welt könnte der Stürmer vom 1. FC Köln (zwei Saisontreffer) die Konkurrenz des Schalkers (achteinhalb Mal mehr Saisontreffer) ganz gut gebrauchen. Genauso Miro Klose (ebenfalls zwei Buden). Dabei ist Kevin Kuranyi kein Martin Max, der 2002 als amtierender Torschützenkönig von Rudi Völler nicht zur WM eingeladen wurde. Seien wir ehrlich: Max hätte ohnehin nicht gespielt, er war ein Knipser bei unterdurchschnittlichen Bundesligavereinen, aber keiner, der eine Nationalmannschaft mit Titelambitionen weitergebracht hätte. Anders Kuranyi: Er hat bis Herbst 2008 52 Länderspiele absolviert und dabei 19 Treffer geschossen. So jemand könnte den Nominierungsdruck der vermeintlich Gesetzten enorm erhöhen – und sie damit zu stärkeren Leistungen anspornen.

Doch wir können uns hier den Mund fusselig reden: So wird es nicht kommen. Löw setzt auf sein Harmonieduo Poldi/Klose, das seiner Meinung nach bei einer Weltmeisterschaft gegen englische, argentinische, italienische oder brasilianische Monsterverteidiger durchsetzungsfähiger sein wird als gegen Freiburg und Hannover – und dem es vermeintlich reicht, Cacau im Nacken zu haben. Er wird Kuranyi keines Blickes würdigen. Gesagt ist gesagt.  

Dessen Wunsch nach einem klärenden Gespräch von Mensch zu Mensch, von Kevin zu Jogi, macht ihn sympathisch. »Für mich ist die Frage: Wie kann ich es schaffen, einen Menschen und seine Meinung zu ändern? Es gibt nicht nur den Bundestrainer Löw und den Spieler Kuranyi, sondern auch die Menschen dahinter«, sagte er uns. Dieser Wunsch aber ist auch einigermaßen naiv. Löw wird sich diese Blöße nicht geben. Sie könnte ihn ja schwach erscheinen lassen. Oder warnt Norbert Blüm etwa vor Altersarmut? 

Man kann nun finden, dass es das glücklichere Exempel gewesen wäre, Podolski nach seiner Ohrfeige gegen Ballack rauszuwerfen. Dass es von Größe zeugen würde, Kuranyi zu begnadigen. Doch je vehementer die Öffentlichkeit Kuranyis Mitnahme fordert, desto unwahrscheinlicher wird sie. Das Leistungsprinzip wird von Löw einmal mehr zu Gunsten einer nur ihm bekannten Rezeptur der Mannschaftschemie außer Kraft gesetzt. Kuranyi ist nicht mehr Teil der Nationalmannschaftsfamilie, die nach einem esoterischen Muster den einen die Treue hält und die anderen verstößt.

Kuranyi zum Troste: Auch wenn er nicht mitspielt, kann er der große Sieger sein.

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