Wenn Fans sich vom Fußball abwenden (2)

Wir ham die Schnauze voll!

Kommerz, groteske Transfersummen, Kunden, statt Zuschauer – hier erzählen Fans, warum sie keine Lust mehr auf Fußball haben.

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Fußballer, die mehr verdienen, als ganze Fankurven zusammen. Absurd hohe Transfersummen. Die Entfremdung vom Grundgedanken des Sports. Die Dominanz der reichen Klubs. Oberflächliche Spieler, korrupte Funktionäre, ignorante Entscheider. Die Auswüchse des modernen Fußballs sind vielfältig und oftmals unschön. Für unsere neue Ausgabe (ab sofort im Handel erhältlich) suchten wir nach Fans, denen der Spaß am Spiel vergangenen ist. Die sich einst in den Fußball verliebten und sich inzwischen enttäuscht davon abgewandt haben. Die die Schnauze voll haben.

Hoffentlich ein Wachrüttler

Sieben von ihnen stellen wir in der neuen Ausgabe vor (jetzt am Kiosk und bei uns im Shop) Viele weitere schrieben uns in Mails und Briefen von ihren Beweggründen, sich mehr und mehr von der großen Liebe zu entfernen. Warnrufe, die alle, die den Fußball schätzen, ernst nehmen sollten. Und die, die aus ihm noch den letzten Euro herausquetschen, auf dem Rücken der Fans und des Sports ihre Ziele durchsetzen wollen, hoffentlich wachrütteln.

In zwei Teilen veröffentlicht 11FREUNDE hier nun weitere Proteste aus der Fanszene. Die Meinungen spiegeln nicht immer die unsere wider. Nachdenklich stimmen sie allemal.

»Opa« / 43
Schon seit vielen Jahren schreibe ich unter dem Pseudonym »Opa« über meine Erlebnisse auf Auswärtsfahrten mit meinem Klub: der Alten Dame Hertha BSC. Als Herthaner ist man wahrlich leidgeprüft, in jedes Skandalfettnäpfchen scheinen wir mit Anlauf eine Arschbombe zu machen. All das, auch die Schrulligkeiten drumherum, haben meiner Liebe nichts anhaben können. Aber die immer schriller werdende kommerzielle Entwicklung macht mich müde, mürbe und wütend.

Ein paar Beispiele gefällig?  

Nehmen wir das Stadionerlebnis: Teuer war es im Stadion schon immer, aber richtig ätzend wurde es, als man Bier aus einem Zahnputzbecher trinken musste, das von mit einfachsten Bestellungen überfordertem Hilfspersonal tapsig serviert wird, die einen dazu animieren sollen, diesen Vorgang mit einem Bezahlkartensystem zu bezahlen, obwohl jeder weiß, dass das erheblich länger dauert und man keinen Überblick über das Guthaben hat.

Herthas Merchandisingschweinereien

Oder wie wäre es damit: Ein von Kinderhand zusammengenähtes Stück Trikot, aus Recyclingmüll hergestellt, soll nunmehr 85 Euro kosten.
Von den sonstigen Merchandisingschweinereien wie Badeenten oder anderem lieblosem Plastikmüll mal ganz abgesehen, wird einem ein Lizenzprodukt geboten, was so erkennbar darauf abzielt, einem in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Vereinstreue haben es schwer, das zu ertragen und neue loyalisiert man damit sicher nicht.

Größter Hohn allerdings ist unser neuer Brustsponsor. Dass ein Wettanbieter mit einem Firmengeflecht, das in Steueroasen zerstreut ist, nun nicht das Allerseriöseste ist, was man sich so vorstellen kann, ist das eine. Aber was der seit ein paar Wochen an Werbekampagne fährt, ist derart billig und peinlich, dass es mir die Zornesröte ins Gesicht treibt. Da wirbt ein so genanntes Model im Trikot (aber ohne Höschen) mit zweideutigen Anspielungen, dass sie noch frei sei und nur darauf warte, dass man komme. Tiefer kann man kaum sinken. 

Dumpfsinnstakkato im Stadion

Mittlerweile besuche ich regelmäßig Amateurspiele, um mich zu erden. Das Dumpfsinnstakkato im Stadion ertrage ich zwar noch, aber nur, weil die Menschen, mit denen ich das erlebe, mir etwas bedeuten.