Wenn ein Todkranker noch einmal seinen Klub sehen will

Wenn nur die Gegenwart zählt

»Söyüncü wird provoziert, gefährlich ist das«, sagt er über das Freiburger Abwehrtalent. Dann geht es weiter, zweite Halbzeit, und irgendwann stimmt bei Freiburg nichts mehr. Die Mannschaft verliert Ordnung und Zweikämpfe, Hamburg kämpft, Freiburg spielt nun so defensiv, wie Wolfram es befürchtet hatte. Er schlägt immer wieder seine Hände über dem Kopf zusammen. Das 1:0 für den HSV fällt. »Unnötig war das«, ruft er. Er ruft es laut, so laut, wie seine Stimme es eigentlich nicht mehr herzugeben schien. »Unnötig!«

Dann fliegt, ja, tatsächlich, Caglar Söyüncü vom Platz. Vorher war ein Hamburger nach einem klaren Foul nicht bestraft worden, wieder muss sich Freiburg benachteiligt fühlen, wie schon so oft in dieser Saison. Die Mannschaft spielt nicht nur schlecht, sie wird auch noch schlecht gepfiffen. Chantal geht zu ihrem Vater, wieder eine Umarmung, und vielleicht ist nichts gelöst, aber irgendwie scheint für einen Moment alles gut.

Ehrensache

Der Fußball ist bisweilen unerbittlich. Fans fliegen ihrem Team über die halbe Welt hinterher, nur um blutleere Auftritte und peinliche Niederlagen zu sehen. Oder ein Mann wünscht sich, seinen Verein noch mal spielen zu sehen, aber der verliert, weil er weniger investiert hat als der Gegner. Der SC Freiburg ist heute nicht so expressionistisch wie sein Trikot, nicht so sympathisch wie sein Image und auf dem Feld nicht so spielfreudig wie gewohnt. Heute mal SC Krampf. Das ist schade und gleichzeitig gar nicht so wichtig, denn: Wolfram Heine wirkt glücklich. Er schaut nicht durch die Gegenwart durch, sondern sie an. Sogar sein Bier trinkt er. Zur Hälfte.

Als nach dem Spiel die Freiburger in der Kabine randalieren und dem HSV ein »hoffentlich steigen die ab!« zubrüllen, sitzt Wolfram noch in seinem Rollstuhl, schaut auf den sich leerenden Rasen und sagt: »Ja. Gehen wir.« Anschließend will er noch nicht sofort zurück nach Eppendorf. Chantal und er sitzen in der Sonne – bis es nicht mehr geht. »Eine kleine Luftnotattacke«, sagt sie. Als diese vorüber ist, gucken sie in dem weiß getünchten, nach Desinfektionsmittel riechenden Zimmer zusammen Sportschau. Ehrensache.

Neuer Mut

In den Tagen nach dem Spiel im Volksparkstadion wird die Menge an künstlichem Sauerstoff, die Wolfram Heine benötigt, halbiert, er hat wieder Appetit. Auch seine Medikation wird heruntergesetzt. Er entscheidet sich sogar, die Chemotherapie wieder aufzunehmen. »Paps hat nun seinen alten Kampfgeist wieder«, sagt Chantal. Aber Wolfram möchte noch einen anderen Punkt machen. »Ich habe gemeint, dass die nicht so defensiv spielen sollen. Das geht immer schief!«, sagt er.

Ende Mai ist Wolframs Hochphase aber vorbei, es geht ihm wieder schlechter. Zwei Wochen? Zwei Monate? So genau kann das niemand sagen.

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Die Reportage erschien erstmals in Ausgabe #200 im Juni dieses Jahres. Nach Rücksprache mit seiner Tochter können wir mitteilen, dass Wolfram nicht aufgegeben hat. Wir sagen: Go on, Wolfram!