Wenn ein Todkranker noch einmal seinen Klub sehen will

Was ein bisschen Fußball auslösen kann

Der Wagen beschleunigt endlich. Aus den Boxen kommt »I’d Do Anything for Love« von Meat Loaf. »Some days it don’t come easy. Some days it don’t come hard.« Wolfram Heine lässt die Lautstärke aufdrehen, nickt mit dem Kopf mit und erzählt, dass er sich für seine Beerdigung »Song to Say Goodbye« von Placebo gewünscht habe.

Trockener Humor

Nach einer längeren Gesprächspause deutet Chantal auf das mobile Sauerstoffgerät im Schoß ihres Vaters und fragt: »Wie ist der trockene Sauerstoff?« Er sagt: »Trocken.«

Im Rollstuhl geht es durch den VIP-Parkplatz hinein ins Volksparkstadion. Chantal schiebt ihren Vater eine Rampe hoch, lässt sich nicht helfen, bis er seinen Platz eingenommen hat, bei den anderen Rollstuhlfahrern. Dort sitzt er dann, mit Bier, Brezel und Sauerstoffgerät. Und nickt. Es ist ein sonniger Frühlingstag, ideales Fußballwetter. Der HSV steht kurz vor dem Abstieg, spielt giftig. Freiburg ist auch gefährdet, wirkt aber strukturierter. Ansonsten: Emotionen. Klatschen, raunen, zittern, beißen. Keine drei Pässe am Stück kommen an.

Wolfram geht mit

Wolfram nippt in kleinen Schlucken an seinem Bier, klemmt es dann zwischen seine Oberschenkel und das Sauerstoffgerät und reißt seine Arme in die Höhe, als Freiburg mehrere Chancen vergibt. Wenn dieses Gerät nicht wäre, könnte man bisweilen vergessen, dass da ein Mann sitzt, der nur noch einige Monate zu leben hat, vielleicht auch nur Wochen. Wolfram Heine drückt seinen Rücken durch, geht mit. Er atmet gleichmäßiger.

In der Halbzeit erzählt Petra Friedrich vom ASB, dass es manchmal anscheinend Wunder wirke, wenn Menschen ihren letzten Wunsch erfüllt bekommen. Einer Frau, die kurz vor ihrem Tod noch mal in die Elbphilharmonie wollte, sei sie in der Konzerthalle mit dem Rollstuhl hinterhergelaufen, weil diese Frau selbst wieder zu Kräften gefunden hatte. „Da hat jemand gefragt, warum wir behaupten würden, die Frau wäre sterbenskrank. Unglaublich.“ Petra Friedrich schüttelt den Kopf. Wolfram zieht derweil eine Lederjacke über sein Freiburg-Trikot. Es wird frischer.