Wenn ein Todkranker noch einmal seinen Klub sehen will

Wie Wolfram zum SC Freiburg kam

Eine Pflegerin kommt ins Zimmer geschlurft, fragt mit slawischem Akzent und wohlig zugeneigter Stimme: »Passt die Frisur?« Noch bevor Wolfram antworten kann, streichelt sie ihm den Kopf. Er schließt seine Augen, lehnt sich im Rollstuhl zurück. Die Pflegerin wuschelt ihm durchs Haar, und draußen fährt ein Krankentransporter vor, der Wünschewagen heißt. Damit transportiert der Arbeiter-Samariter-Bund sterbenskranke Menschen dorthin, wo sie noch einmal sein wollen, bevor sie abtreten: ans Meer, in die Elbphilharmonie oder eben zum Fußball. Alle Mitarbeiter helfen ehrenamtlich, auch die beiden, die Wolfram heute betreuen. Sie können bei medizinischen Notfällen sofort helfen. Der ASB-Mann outet sich als HSV-Fan. »Oh je«, sagt Wolfram Heine dazu. Gleich geht es los.

Hoffentlich nicht Fünferkette

Tochter Chantal hat den Kontakt zum ASB hergestellt, alles in die Wege geleitet. Sie kümmert sich um ihren Vater in seinen letzten Wochen. Während er im Krankenwagen angegurtet wird, zündet sie einige Meter entfernt ihre erste Zigarette des Tages an. »Ich rauche jetzt viel weniger.« Um bei ihrem Vater zu sein, hat Chantal ihren Job als Projektmanagerin bei einem Immobilienentwickler aufgegeben. Das scheint ihr wenig auszumachen. Kurz verdunkelt sich ihre Stimme aber, als sie über einige der Ärzte spricht, die sie und Wolfram zuletzt so viel sehen mussten. Sie hätten den Tumor ihres Vaters zu spät erkannt. »Vielleicht wäre sonst alles anders gekommen«, sagt sie.

Im Wünschewagen ist Wolfram Heine fest angeschnallt – und gedanklich schon im Stadion. »Hoffentlich spielt Christian nicht mit einer Fünferkette. Das geht immer in die Hose, wenn sie nur verteidigen wollen.« Ansonsten findet er den Freiburger Trainer Christian Streich gut, auch deshalb, weil er aus dem Verein und aus der Gegend kommt. »Es gibt zwei Arten von Menschen: Symbadische und Unsymbadische.« Er lacht. Dann geht es los.

Ab auf die Halbinsel

Wolfram Heine stammt selbst aus Freiburg. Lange hat er es aber im Schwarzwald nicht ausgehalten. Mit 17 ging es nach Hamburg. »In Freiburg wäre ich höchstens Schuhverkäufer geworden, dort war Mitte der Siebziger nicht viel«, sagt er. In Hamburg habe es mehr Arbeit gegeben. »Hier war ich der clevere Schwarzwälder Bub.« Er hat Groß- und Außenhandelskaufmann gelernt, das Groß und das Außen nahm er dann wörtlich – und ging auf die Arabische Halbinsel. Er lebte und arbeitete über die Jahre immer wieder in Kuwait, Dubai und anderen Emiraten. Chantal sagt: »Mein Paps hat alles verkauft, was er in die Finger bekommen hat.« Zuletzt waren es gebrauchte Druckmaschinen, vorher aber auch Haushaltsgeräte, Porzellan und Schminke.

»Zwischenzeitlich lief es gut, da standen bei uns drei Autos vor der Tür«, erzählt Chantal. 2001 ließen sich Wolfram und Chantals Mutter scheiden. Er blieb auf der Arabischen Halbinsel, schaute über Satellit und im Internet die Spiele seines SC Freiburg. »Bei uns lief ständig Fußball«, erinnert sich Chantal. Wolfram sagt: »Wenn man gegenüberstellt, wie viel Geld und wie viel Erfolg Vereine haben, ist Freiburg weit vorne.« Es geht im Schritttempo vorwärts, Wolfram blickt auf die Einfamilienhäuser in Hamburgs feinen Vororten. »Hier hat sich nichts geändert. Dubai aber sah früher aus wie ein Basar.« Er blickt lange in die Ferne – als würde er nicht Häuser und Gartenzäune anschauen, sondern hinter sie blicken, durch die Gegenwart hindurch. Dann umarmt ihn Chantal lange. Vater und Tochter, beide in Freiburg-Trikots. Es ist eine sehr badische Umarmung.