Wenn ein Todkranker noch einmal seinen Klub sehen will

Abschiedsspiel

Wolfram Heine hat Lungenkrebs – und einen letzten Wunsch: zu einem Spiel seines SC Freiburg zu gehen. Wir haben ihn dabei begleitet.

Norman Hoppenheit
Heft: #
200

Wolfram Heine wird sich gleich aufmachen, ins Stadion, also bereitet er sich vor. Er entfernt drei daumengroße, weiße Pflaster aus seinem Gesicht, mit denen Sauerstoffschläuche befestigt sind, die zu einem Tank an der Wand führen. Als er die Pflaster von seinem Gesicht abstreift, zieht er seine Haut mehrere Zentimeter mit, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie mit dem Pflaster mitgehen oder beim Gesicht bleiben soll. Wolfram fasst dahin, wo die Pflaster nicht mehr sind, reibt sich die Nase.

»Abstral oder Tavor?«

In dem weiß getünchten Zimmer in Hamburg-Eppendorf riecht es nach Desinfektionsmittel. Neben Wolfram aber liegt ein fabrikfrisch duftendes Fußballtrikot. Es ist der Auswärtsdress des SC Freiburg, schwarz-graue Camouflage, stilisierte Tannen und Tiere, Breisgauer Expressionismus. Die Freiburger werden gleich beim Hamburger SV antreten. Wolfram zieht das Trikot über. Er keucht.

Er bekommt die Schläuche eines tragbaren Sauerstoffgeräts gereicht, steckt sie mit zittrigen Händen in seine Nasenlöcher, hört die Frage: »Abstral oder Tavor?« Er schüttelt den Kopf, »Astra oder Rothaus?« wären ihm als Alternativen lieber gewesen. Aber er bricht nun einmal aus einem Zimmer mit höhenverstellbarem Krankenbett zum Spiel auf. Wolfram Heine hat Lungenkrebs im Endstadium. Er wird bald sterben. Der Stadionbesuch ist sein letzter Wunsch.

»Niemand sagt einem ja genau, wie lange man noch hat«, erklärt Wolfram. Er sagt das, wie alles an diesem Tag, ohne jede Bitterkeit. Neben ihm steht seine Tochter Chantal. Sie ist 27 Jahre alt, hat lange blonde Haare und eine schwarze Baseballcap auf dem Kopf. Lila Sneaker, lila Fingernägel, passend zum Ärmelsaum des neuen Trikots. Auch sie trägt ein Freiburg-Jersey. »Eigentlich bin ich St. Pauli-Fan.« Als ihr Vater reisefertig ist, tätschelt sie seine Schulter. »Es läuft heute ja richtig bei dir, Papa!« Wolfram Heine lächelt.

»Ich hätte weniger rauchen sollen«

Es ist immer schwer zu begreifen, dass ein Mensch, der doch da ist, bald nicht mehr da sein wird. Wolfram Heine ist 61. Er hat mit 14 angefangen zu rauchen und erst nach seiner Diagnose aufgehört, kein halbes Jahr ist das her. Zwischenzeitlich waren es bis zu 50 filterlose Camel pro Tag. »Ich hätte weniger rauchen sollen«, sagt er selbst dazu. Es schwingt kein Bedauern in seiner Stimme mit, es ist eher eine Feststellung, eine unverrückbare Lektion des Lebens.

Wolfram Heine wirkt, rein optisch, beinahe wie ein junger Mann. Er hat ein hageres Gesicht, aus dem große Augen blicken. Schulterlange Haare. Seine aschgraue Haut und seine blau aufgequollenen Füße zeigen, wie ernst es um ihn steht. Seit ein paar Monaten ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Bis vor einigen Wochen bekam Wolfram Chemotherapie. »Die Chemo hat ihn fertiggemacht. Er lag da, mit Zunge raus.« Chantal versucht ein Lächeln. »Das war schon eine Nahtoderfahrung«, sagt Wolfram. Chantal legt eine Hand auf seine Schulter. »Im Vergleich dazu ist es jetzt super.« Wolfram nickt, sagt aber: »Also, so super ist es auch nicht.«