Wenn die eigenen Kinder Hertha-Fans werden

Nicht Zuschauer, sondern Fan

Wahrscheinlich werde ich Konrad und in seinem Schlepptau auch Leo in der nächsten Saison am Aufgang zur Ostkurve verabschieden und mich allein auf die Tribüne hocken. Ich bin mir sicher, die Jungs werden deutlich mehr Spaß haben, wenn sie brüllen und singen können, ohne dass hinter ihnen ständig einer mosert, dass sie sich gefälligst wieder hinsetzen sollen.

Sollte Konrad allerdings auch nur halbwegs seine Angewohnheit beibehalten, die gegnerischen Spieler lautstark und durchaus fantasievoll zu beleidigen, dürfte er alsbald zu jenen gehören, die mit dem Transparent »Ausgesperrte immer bei uns!« gegrüßt werden. Aber das nur nebenbei.

Zigarettenrauch und Bierduschen

Das Bild aus Manchester hilft mir nun zu begreifen, dass dies genau der richtige Weg ist. Ich will, dass Konrad und Leo annähernd so viel Spaß haben wie die Jungs damals. Den werden sie nicht im rauchfreien Familienblock finden, sondern nur dort, wo gestanden und gesungen wird. Sie sollen ihren eigenen Platz im Stadion finden und ihre eigenen Erfahrungen machen. Fahnen schwenken, den Schal recken und Lieder anstimmen, notfalls Zigarettenrauch vom Kettenraucher nebenan einatmen, Bierduschen abbekommen und beim Torjubel quer durch den Block fliegen.

Das können sie aber nur, wenn nicht der Vater die ganze Zeit neben ihnen hockt und auf sie aufpasst. Denn das verdirbt den ganzen Spaß und versperrt außerdem die Sicht auf das, was den Stadionbesuch von der Couch daheim unterscheidet: eben nicht Zuschauer, sondern Fan zu sein. Teil des Spiels, nicht Teil des Publikums zu sein.

Sicher, so viel Freiheit wie damals in Old Trafford und anderswo gibt es heute nicht mehr. Alles ist zivilisierter, ruhiger, geordneter. Trotzdem ist der Fanblock für junge Fans immer noch ein großes Abenteuer. Sie werden lernen, dass sie früh kommen müssen, um sich einen ordentlichen Platz zu sichern. Sie werden andere Jungs treffen, die genauso froh sind, dass sie endlich in die Kurve dürfen. Sie werden hoffentlich erst mit 15 Jahren erstmals darum betteln, auswärts fahren zu dürfen, und ich weiß jetzt schon, dass ich sie davon nicht abhalten will.

Wird die Tochter Arminia-Fan?

Weil auch das dazugehört, wenn man das Leben als Fan einigermaßen ernst nimmt. Also werde ich ihnen das Geld für die Auswärtsfahrten geben und mich freuen, wenn sie spät abends heiser und erschöpft zurückkommen. Und bei Heimspielen werde ich oben auf der Tribüne hocken und hin und wieder mal schauen, ob ich sie in der Menge entdecke, und glücklich darüber sein, dass der Fußball in ihrem Leben einen ebenso großen Platz einnimmt wie bei mir.

Unterdessen werde ich aber auch versuchen, zumindest meiner sechs­jährigen Tochter die richtigen Wertvorstellungen zu vermitteln. Es ist noch alles möglich.

Hin und wieder kommt sie angelaufen und verkündet, sie sei nun auch Arminia-Fan. Ich weiß eigentlich, dass sie mir nur eine Freude machen will. Trotzdem glaube ich ihr. Denn ich hab es ja damals schon auf der Kassette gesungen: Arminen lügen nicht.  

Der Text erschien in 11FREUNDE #171. Die Ausgabe ist weiterhin bei uns im Shop erhältlich sowie im iTunes- und im Google-Play-Store.