Welcher Außenseiter hat die besten Chancen auf den WM-Titel?

Griechenland 2.0

Brasilien, Frankreich, England, Belgien: Immerhin vier Favoriten haben es ins Viertelfinale geschafft. Was gleichzeitig bedeutet, dass noch vier Außenseiter vertreten sind. Kann einer davon tatsächlich Weltmeister werden?

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Am Ende, so eine alte Weisheit der Fußball-Weltmeisterschaft, gewinnen immer die Großen. Die Zahl an Nationen, die in den vergangenen 88 Jahren Weltmeister geworden sind, ist in der Tat recht gering. Acht unterschiedliche Nationen konnten bislang den Weltpokal gewinnen. Sämtliche WM-Finals seit 1970 rekrutierten sich aus gerade einmal sieben unterschiedlichen Nationen. Auch dieses Jahr heißen die Favoriten im Viertelfinale Brasilien, Frankreich und England, also allesamt Länder, die bereits Titelträger sind.

Keine Chance für eine Überraschung? Vielleicht doch. Denn die acht verbliebenen Teams liegen gefühlt näher beieinander als in den vergangenen Jahren. Kaum ein Außenseiter lässt sich von den Favoriten abschießen. Durch die ungleich verteilte Auslosung dürfen sich plötzlich auch vermeintliche Fußballzwerge wie Russland, Kroatien und Schweden berechtigte Hoffnung machen, in ein großes Finale einziehen zu dürfen. Wie stehen ihre Chancen auf die Überraschung? Wir porträtieren die verbleibenden Außenseiter im Turnier und bewerten ihre Chancen.

Uruguay
Edison Cavani, Luis Suarez, Diego Godin: Namen, die jeden Fußball-Fan mit der Zunge schnalzen lassen. Im Nachhinein stellt sich angesichts dieser Superstars die Frage, wie der zweifache Weltmeister so lange unter dem Radar fliegen konnte. Spätestens mit dem 2:1-Sieg über Portugal dürfte sie kaum jemand mehr unterschätzen.

Uruguay definiert sich über die starke Defensive. Sie stören den Spielaufbau des Gegners bereits früh. Sobald der Gegner die Stürmer überspielt, verbarrikadiert sich das Team mit neun Mann am eigenen Strafraum. Selbst Cavani verrichtet viel Defensivarbeit. Einzig Barca-Star Suarez darf vorne verbleiben und auf Konter lauern.

Die eigenen Konter spielt Uruguay wuchtig und mit viel Geschwindigkeit aus. Suarez und Cavani nehmen sich viele Freiheiten im Spiel nach vorne, bewegen sich häufig auf die Flügel. Seit Trainer Oscar Tabarez nach den unrunden Begegnungen zum Turnierstart auf eine Rautenformation umgestellt hat, funktioniert die Offensive noch einen Ticken besser. Rodrigo Bentancur zeigt sich äußerst beweglich als Zehner hinter den Spitzen.

Dennoch bleibt die Defensive das Prunkstück der Uruguayer. Sie verschieben kompakt, wechseln am eigenen Strafraum flexibel zwischen Vierer-, Fünfer- und Sechserkette. Dabei werfen sie sich in die Zweikämpfe, als wollten sie ihrem kranken Trainer Tabarez unbedingt den Titel schenken. In defensiver Konsequenz und Galligkeit erinnert Uruguay an Diego Simeones Atletico – und die waren bekanntermaßen nicht ganz erfolglos in den vergangenen Jahren.

Sensationspotential: Überraschend hoch. Frankreich und Brasilien bzw. Belgien könnten sich an der massiven Defensive festbeißen. 

Schweden
Taktikfüchse wissen Bescheid: Das 4-4-2-System war in diesem Jahrtausend über weite Strecken das Standard-System im Spiel gegen den Ball. Zwei Viererketten, davor zwei Stürmer, die die Zuspielwege ins Zentrum schließen – fertig war das Standardteam. Gerade in der Bundesliga versteiften sich in den vergangenen Jahren die meisten Teams darauf, mit einem Mittelfeldpressing im 4-4-2 die Räume zu schließen.

Diese WM sieht das Ende des klassischen 4-4-2-Mittelfeldpressings. Die meisten Teams agieren gegen den Ball mit einer Fünferkette, wahlweise in der Abwehr oder im Mittelfeld – England (5-3-2) und Brasilien sind zwei Beispiele (4-5-1). Diejenigen Teams, die auf ein 4-4-2 setzen, ziehen sich weit in die eigene Hälfte zurück. Den Gegner im Mittelfeld stören? Zu anstrengend, zu riskant.

Gut, dass es die Schweden gibt. Sie halten die Fahne hoch für das klassische 4-4-2. Sie verschieben sauber über den Platz, schließen die Räume und suchen im zentralen Mittelfeld den Zugriff. Ihr 4-4-2 interpretieren sie gegen den Ball auf einem solch hohem Niveau, dass ihre biedere Offensive kaum ins Gewicht fällt. Hier setzen sie ganz auf Flügelangriffe, meist über den einrückenden Linksaußen Emile Forsberg. Schweden wirkt aus taktischer Sicht mit diesem System etwas aus der Zeit gefallen. Aber die Ergebnisse zeigen: Das muss nicht verkehrt sein. Wie sagte Otto Rehhagel einst: Modern spielt, wer gewinnt.

Sensationspotential: Defensiv kompakt, offensiv bieder: Die richtige Mischung für eine WM-Sensation.