Weihnachtssingen der Vereine

»Und jetzt alle: Halleluuuuujah!«

Das Weihnachtssingen von Union Berlin war mal eine nette Idee. Doch jetzt starten andere Vereine den Vorverkauf für ihre Kopie. Ein Event mit Eintritt, Businesskarten und ziemlich ungelenken Showacts.

imago

Was macht man als Fußball-Fan eigentlich in der spielfreien Zeit rund um Weihnachten? Na, im Stadion Weihnachts- und Fußballlieder singen. Dachten sich im Jahr 2003 um die 90 Fans von Union Berlin und kletterten in die »Alte Försterei«, um die Schnapsidee in die Tat umzusetzen. Aus den 90 wurden im Laufe der Jahre Zehntausende, die sich vor Heiligabend zum traditionellen »Unioner Weihnachtssingen« zusammenfinden. Selbst internationale Medien wie die »New York Times« berichteten entzückt aus Köpenick.

Und wie das so ist, werden gute Ideen gerne mal nachgeahmt. Auch auf Schalke beispielsweise organisierten die Fans im alten Stadion Glückaufkampfbahn ab 2014 ein besinnliches Zusammensein. Einige hundert Fans krakeelten nicht, sondern hauchten kurz nach »Oh Tannenbaum« ein »Blau und Weiß, wie lieb ich dich« in die Gelsenkirchener Nacht.

14 Euro pro Ticket, Business-Sitzplatz 25 Euro

Spätestens im vergangenen Jahr aber wurden auch die Marketingstrategen der Klubs auf die himmlischen Klänge aufmerksam und rochen die fette Gans. Das Weihnachtssingen wollten sie fortan nicht bloß irgendwelchen engagierten Fans überlassen, sondern nahmen das Gesangsheft selbst in die Hand. Im Kölner Stadion, im Dortmunder Westfalenstadion und der Schalker Arena präparierten sie die große Bühne. Zehntausende sollten kommen, Show-Acts die große Bühne betreten und natürlich sollte auch die Mannschaft selbst „Oh du fröhliche“ mitmurmeln. Immerhin eine gute Nachricht: Ein Teil der Erlöse sollte einem guten Zweck zukommen. Was die Frage aufwirft und damit eine Reihe von schlechten Nachrichten impliziert: Welche Erlöse?

Oh ja, denn damit die Fans sich zum Singen einfinden, sollten sie dafür selbstverständlich Eintritt berappen: In Dortmund zahlt der Besucher knapp zehn, auf Schalke 14 Euro, wenn er sich mit einem normalen Platz begnügt. Den Sitzplatz der Kategorie Business gibt es für schlanke 25 Euro zu erstehen respektive zu ersitzen.

Lucy, Hartmut Engler, Sasha

Da ist der Blick dann auch viel besser auf Lucy Diakovska, die »mit ihrer unverwechselbaren Stimme für Gänsehautmomente« sorgt. Wer Lucy Diakovska nicht kennt – sie hat mal bei den »No Angels« mitgemacht. Wer die „No Angels“ nicht kennt – dem kann man auch nur gratulieren. Damit nicht genug: Denn die Schalker lassen dazu noch Hartmut Engler und einige Gescheiterte einer ProSieben-Castingshow von der Kette.

Da lässt sich auch der Nachbar aus Dortmund nicht lumpen und holt Sasha aus der Neunziger-Jahre-Zeitmaschine. In Köln freuen sich 30 000 schon wieder auf die irre Laser- und Lichtershow zum immergrünen »Last christmas«-Schunkeln. Wenn der Moderator wieder übers Mikro ruft „Und jetzt alle“, gibt es natürlich nur eine Antwort: »Halleeeeeeluja!« Und Leonard Cohen kann sich nicht mal mehr wehren.

Das sollten die immer nörgelnden Fußballkulturheft-Miesmacher und Fußball-Schweinsblasenzeit-Nostalgiker schon aushalten können, könnte man meinen. Jedem selbst überlassen, wie er sich auf sein Fest einstimmt (noch gibt es eben leider keine praxiserprobten Gesetze gegen Pur-Konzerte). Doch wenn irgendwann Roland Kaiser mit Maite Kelly den Weihnachts- und »Auf geht’s FC«-Medley am Megafon vor dem hüpfenden, von der Lichtshow aphrodisierten Lumumba-Family-Block durchpeitscht, Til Schweiger mit einer Bazooka in der Bühnen-Weihnachtsgeschichte Maria und Josef den Weg zur Krippe freilegt, während Norbert Dickel die Aufstellung der Heiligen Drei Könige rausschreit und Clemens Tönnies als Erzengel vom Arenadach einschwebt, dann, ja dann wünscht man sich nur eines:

Dass wieder irgendwo 90 Fans über einen Zaun klettern und für sich ganz alleine besinnliche Lieder anstimmen. Und möglichst niemandem von ihrer Idee erzählen.

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