Watzke auf der BVB-Jahreshauptversammlung

Nicht verzagen, furzen wagen

Nach dem 3:3 im Heimspiel gegen den SC Paderborn präsentiert sich Hans-Joachim Watzke auf der Jahreshauptversammlung des BVB als mahnender Klubpatriarch und interpretiert seine Rolle erstaunlich facettenreich. Eine Theaterkritik.

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An seiner Körpersprache muss er noch arbeiten, ansonsten beherrscht Hans-Joachim Watzke die Rolle des schwer besorgten Vereinsfürsten fast besser als Uli Hoeneß. Okay, ihm fehlt dessen bajuwarische Wurstigkeit, diese prustende Bluthochdruck-Rhetorik, wegen seines hageren Nikotin-Chics wirkt der Sauerländer nun mal asketischer als der Vollblutmime aus Ulm. Aber diese unterkühlte Schmallippigkeit, die Watzke gestern auf dem Podium bei der Jahreshauptversammlung an den Tag legte, und wie er mit dem Gestus einer enttäuschten Alleinerziehenden auf seine Eleven hinabblickte, als wolle er sagen »Habe ich nicht immer an Euch geglaubt? Wie konntet ihr nur…?«, das war schon große Kunst. Zumal sich seine Erregung über den Zustand des BVB nicht ungeordnet, affektartig Bahn brach, so wie es in München gang und gäbe ist, sondern auf vielen verschiedenen Ebenen:

Ebene 1. Der analytische Blick des Betriebswirts.
Auf diesem Terrain ist Watzke groß geworden, da bewegt er sich so leichtfüßig wie Ingolf Lück bei »Let’s Dance«. Was habe ich, was haben wir falsch gemacht? Was können wir verbessern? Nicht ihr, wir alle sind schuld an der Misere. Watzke sprach darüber, dass der Klub im Sommer eine »zweite Neun« hätte verpflichten sollen. Dass aktuell nicht jeder Spieler sich seinen Möglichkeiten entsprechend präsentiert. Seine Art zu sagen, dass nur alle gemeinsam den Karren wieder aus dem Dreck zerren können. Mehr Umarmung, mehr Wärme ging nicht.

Ebene 2: Der Grollen des Patriarchen.
Als der SC Paderborn die Borussen in der ersten Halbzeit im eigenen Stadion fast um den Verstand spielte, war die Entrüstung groß auf den Rängen. Beim 0:3 schlug die Wut bei einigen Fans in Galgenhumor um, die nun für den Gegner jubelten. Diesen stellt sich Watzke klar in den Weg: »Wer vorgibt, BVB-Fan zu sein und die Tore des Gegners bejubelt, der sollte unsere Gemeinschaft einfach verlassen.« Da war Watzke ganz die gereizte Löwenmama, die sich schützend vor ihr Junges wirft.

Ebene 3: Die Bestimmtheit des Oberlehrers.
Wenn Journalisten über die Zielsetzungen des Klubs sinnieren, sollten sie gefälligst in der Lage sein, seiner Argumentation zu folgen: »Ich wäre der Presse sehr verbunden, wenn Sie jetzt genau zuhören würde. Ich habe immer gesagt, dass wir alles versuchen wollen, um Deutscher Meister zu werden.« Und im Saal meint man, eine Stecknadel fallen zu hören. Offenbar wundert sich Watzke darüber, dass die Medien dem BVB die Tauglichkeit absprechen, im Meisterschaftskampf ein ernstes Wort mitreden zu können. Er stellt klar: »Wenn du Zweiter bist mit 76 Punkten, und an 21 Spieltagen Tabellenführer warst und der Liga seit Jahren einen echten Meisterschaftskampf lieferst und dann auch noch große Transfers machst, was sollst du dann sagen? Wir wollen Vierter werden? Wir haben in der Analyse festgehalten, dass wir dieses Ziel wieder aussprechen würden.«