Wattenscheid 09 vor dem Aus

Ausbleibende Gehälter und dubiose Spenden

Als wäre das nicht genug, folgt kurz darauf der nächste Tiefschlag. Weil die Verantwortlichen nach dem Haalo-Deal Gespräche mit anderen Sponsoren vernachlässigen, gerät die SGW erneut in finanziellen Probleme, mit denen er seit dem Ende der Ära des Textilunternehmers Klaus Steilmann fast kontinuierlich zu kämpfen hat. Offenbar ist der Verein mit der Zahlung der Spielergehälter zwei Monate in Rückstand, auch Jugendtrainer warten auf ihr Geld. Beim Auswärtsspiel im kalten Lippstadt müssen die Ersatzspieler sogar auf Winterjacken verzichten. Der Verein hat sie noch nicht bezahlt.

 

Um Druck auf die Verantwortlichen aufzubauen, boykottieren die Wattenscheider Spieler zwischenzeitlich das Training. Auch mit der Spielergewerkschaft VDV setzen sie sich zusammen und lassen sich beraten – für den Fall der Fälle. Oguzhan Can, der mächtige Mann im Verein, verschwindet während dieser Zeit vollständig von der Bildfläche.

 

Erst am 24. November bricht er sein Schweigen. In einer Stellungnahme auf der Vereinshomepage teilt er mit, die finanzielle Situation des Klubs sei »ernst, aber nicht hoffnungslos«. Grundsätzlich sei der Immobilien-Unternehmer weiter bereit, den Verein zu unterstützen, allerdings nur, »wenn die Lasten nicht allein auf meinen Schultern liegen.« Rund eine Million Euro hat Can nach eigenen Angaben bislang in den Verein investiert. Im Herbst 2017 waren es seine Investitionen, die die SGW vor der Insolvenz retteten.

 

Hilferuf vor Weihnachten

Wie ernst die Lage tatsächlich ist, offenbart die SGW eine Woche vor Weihanchten. Mit einem Hilferuf wendet sich der Verein an die Öffentlichkeit und wirbt für sein Crowdfunding. Ehemalige Spieler wie Hannes Bongartz und Mike Terranova bitten in einem emotionalen Video Fans und Unternehmen um Hilfe. Die folgenden Tage werden für den Klub zu einer wahren Achterbahnfahrt: Rasch trudeln die ersten Spenden ein, weitere Reviervereine zeigen sich solidarisch. Rot-Weiß Oberhausen versteigert limitierte Aufwärmshirts, Rot-Weiss Essen stellt den Wattenscheidern Logen-Plätze zur Verfügung, die der Klub für das Regionalliga-Rückspiel an der Hafenstraße verkaufen darf. Sogar Schalke 04 ruft in der Halbzeitpause des Spiels gegen Leverkusen zu Spenden auf.

 

Über Nacht schnellt der Spendenstand dann mit einem Mal um 100.000 Euro in die Höhe, doch der vermeintliche Gönner entpuppt sich als Hochstapler, der es mit seinem Engagement nicht ernst meint. Zähneknirschend korrigiert der Verein den Spendenstand wieder nach unten.

 

Zwischen den Feiertagen folgt der nächste Rückschlag. Für 20.000 Euro sichert sich eine Ferienanlage auf Mallorca die Namensrechte am Lohrheidestadion – glaubt das Unternehmen zumindest und schreibt bei Facebook euphorisch vom »Camp-Louis-Mallorca-Lohrheidestadion«. Dass sie jedoch lediglich eine Erwähnung im offiziellen Namen erworben haben und keineswegs eine komplette Umbenennung, wird den Verantwortlichen offenbar erst im Nachhinein klar. Auch sie machen von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch – und treiben die Wattenscheider in die Verzweiflung.

 

Fünf Tage vor Ablauf der Frist fehlen beim Crowdfunding noch gut 230.000 Euro, also rund zwei Drittel der anvisierten 350.000 Euro. Doch der Verein gibt nicht auf. Man führe aktuell »Gespräche mit interessierten Unternehmen und ehemaligen Spielern«, beteuert Wattenscheids Pressesprecher Daniel Knorr und verweist darauf, dass das Gros der Spenden bislang von Privatpersonen und Fanclubs stamme. »Wir hoffen, dass die Aktion zum Ende hin nun noch einmal Fahrt aufnimmt«. Auch für die kommende Spielzeit will die SG Wattenscheid daher die Zulassung zur Regionalliga beantragen – und dann im September ihr 110. Jubiläum feiern.