Was wir von Irlands Fans lernen können

Ein Hochamt für die Fanseele

Der Sieg ihrer Mannschaft war für Irlands Fans ein historisches Ereignis. Ganz nebenbei haben die Menschen uns noch gezeigt, was auf den Rängen hierzulande leider oftmals fehlt.

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Es läuft die 91. Minute im Aviva-Stadium von Dublin als Jonathan Walters Thomas Müller zeigt, dass hier und heute für ihn nichts zu holen ist. Der Ball liegt zur Ecke bereit, als Müller den Leitwolf markieren will, und sich Walters gegenüberstellt wie ein Cowboy beim High-Noon. Ob Müller den Iren damit aus dem Konzept bringen, ein Zeichen setzen oder einfach nur seinen Frust rauslassen wollte, ist nicht geklärt. Klar ist jedoch, dass nichts davon funktioniert hat, denn Walters rannte den Weltmeister einfach über den Haufen als sei dieser gar nicht da. Es war vielleicht das Sinnbild des Abends. Walters sagte mit seiner Aktion: »Egal was ihr tut, ob ihr Weltmeister seid oder 90 Minuten den Ball habt: Kommt nur her! Wir kriegen nicht genug davon!«

Nur wenige Meter entfernt lagen sich da bereits 60-jährige Männer auf den Rängen in den Armen. Fassungslosigkeit. Junge Kerle blickten gen Himmel, als sei da oben irgendwo eine Antwort auf die Frage, wie all das passieren konnte. Und kleine Kinder wirbelten mit den Armen umher, taktische Anweisungen in Richtung Feld brüllend, als seien sie allein dafür verantwortlich, dass dieser historische Sieg auch tatsächlich über die Bühne gebracht wird. Jede Ecke wurde frenetisch gefeiert. Jeder Einwurf zelebriert. Das Stadion donnerte und jeder, der dieses Spiel vorher als stinknormales EM-Qualifikationsspiel gesehen hatte, merkte nun, dass es das nicht war. Es war ein Hochamt für die Fanseele.

Ein Geschenk des Himmels

Es waren herrliche Bilder, die sich da auf den Tribünen abspielten, denn aus den Augen der irischen Fans sprach überbordende Freude, kindliche Euphorie und purer Stolz zugleich. Rote Wangen, glänzende Augen, wildfremde Menschen, die sich singend in den Armen lagen. Die schon über mindestens 90 Minuten zuvor ihre Lieder geschmettert hatten. Mal voller Pathos triefend, mal selbstironisch, aber immer fair. Man wäre so gern dabei gewesen. 

Es waren Szenen, die man in hiesigen Stadien so gut wie nie zu sehen bekommt, denn Fußball ist hierzulande ein ernstes Thema. Auf dem Rasen, in den Medien, auf den Rängen. Mitunter vergessen wir alle sehr schnell, dass es ein Spiel ist, bei dem 22 Akteure einem Ball hinterherlaufen. Nicht mehr und nicht weniger. Wir pfeifen, wenn Fehlpässe gespielt werden, brüllen, wenn der Schiedsrichter einen Fehler macht und schimpfen auf den Trainer, der ja meistens sowieso keine Ahnung hat. Die organisierten Fans konzentrieren sich vor allem darauf, den Gegner zu erniedrigen oder sich selbst mit den immer gleichen Gesängen zu feiern. Rund herum stehen Sicherheitskräfte und passen auf, dass niemand außerhalb der Norm agiert. Alles hat seine Ordnung. Platz für spontane, unkontrollierte Freude ist da wenig.

Diver in die Biertheke

Nun verlangt niemand, dass man sich nach einem Sieg der eigenen Mannschaft in das nächstbeste Biertheke divet oder dem verdutzten Herren auf dem Nebenplatz einen Knutscher aufdrückt. Aber wer die durchgenormten Jubelaufführungen in unseren Stadien mit den gestrigen Geschehnissen vergleicht, kann schon wehmütig werden. Denn mal ehrlich, auch die 4319 Humba sieht aus wie die allererste. Und sie wird nicht lustiger. Und dass eine Allee aus einer Straße und vielen Bäumen besteht, ist mittlerweile ebenfalls bekannt. Der Abend von Dublin, ein Blick in das Rund des Aviva-Stadium, hat uns aber gezeigt, welch besondere Kraft dieses Spiel auf den Rängen entfachen kann, wenn man es mal wieder an sein Herz lässt. 

Wenige Sekunden, nachdem Walters Thomas Müller über den Haufen gerannt hatte, nachdem Schiedsricher Carlos Velasco Carballo das Spiel endlich abgepfiffen hatte, war diese Euphorie nicht mehr zu stoppen. Die Menschen hatten soeben etwas Historisches erlebt. Ihre Fußballmannschaft hatte gewonnen. Es ist albern. Es ist wunderbar. 

Aus den Stadionlautsprechern dröhnte in diesen Minuten der Depeche-Mode-Klassiker »I just can’t get enough«. Wir kriegen nicht genug davon!

Von diesen Fans. Dieser Freude. Diesem Spiel.

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