Was wir aus der ersten EM-Woche gelernt haben

Das Spektakel kommt, wenn...

Eine Woche Europameisterschaft ist vorbei und das Turnier hat einige Fragen aufgeworfen. Wir haben sie den Experten von spielverlagerung.de gestellt.

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Der erste EM-Spieltag ist beendet. Was fiel spielerisch und taktisch auf?
Es ist bislang eine Europameisterschaft der Defensive. Viele Teams versuchen, den eigenen Strafraum zu verbarrikadieren und auf Konter zu spielen. Da es oft am Konterspiel hapert, bleibt am Ende meist nur eine totaldefensive Strategie hängen.

Doch bei dieser EM gibt es zwei Arten von Mauerteams: Einerseits die Außenseiter, die die Manndeckung wiederentdeckt haben. Teams wie Ungarn, Irland oder Rumänien verfolgen ihre Gegenspieler weit, sie verschieben nicht mehr im Raum, sondern wollen den Zugriff über eine enge Deckung im Mittelfeld erzeugen.

Die zweite Gattung der Mauerblümchen verteidigt stärker im Raum, allerdings mit Fünfer- statt mit Viererketten. Wales und Nordirland etwa schlossen mit fünf Verteidigern und drei bzw. vier Spielern davor das Zentrum. Tschechien stand ebenfalls kompakt im Zentrum, baute seine Fünferreihe jedoch im Mittelfeld vor einer Vierer-Abwehrkette auf. Durch die Fünferreihen sollen Überzahlen hergestellt werden, gerade im Zentrum. Das stellt die vermeintlich favorisierten Mannschaften offenbar vor unlösbare Aufgaben.

Warum kann niemand diese Abwehrriegel knacken?
Defensiv haben sich alle Nationalmannschaften weiterentwickelt – offensiv jedoch nicht. Das beste Beispiel sind die Österreicher. Die konnten in der Qualifikation mit ihrem Pressing-System groß aufspielen, jetzt mussten sie die Manndeckung der Ungarn überwinden und fanden kein Mittel.

Erschreckend daran ist, dass vielen Teams in der Offensive die nötige Bewegung fehlt, um einen Gegner aus seinen Räumen zu locken und das Spiel auseinanderzuziehen. Gerade das offensive Zentrum verwaist damit zunehmend, viele Teams lassen sich mit einfach Mitteln auf die Flügel drängen. Es fehlen schlichtweg eingegübte Spielzüge, um die Mauern des Gegners zu überwinden. Das spricht nicht für die Vorbereitung vieler Teams und macht das Turnier bislang zu einer zähen Sache.

Mauerfußball statt Spektakel: Bereichern die kleinen Mannschaften das Turnier trotzdem?
Durch den neuen Modus kam es bislang in fast sämtlichen EM-Spielen zum Duell »Favorit gegen Außenseiter«. Und die meisten Spiele liefen dann auch nach dem gleichen Prinzip: Der Außenseiter mauert, der Favorit kann die Mauer nicht knacken, fertig ist das lahme 1:0 oder 1:1.
Die Torarmut hat sicherlich auch damit zu tun, dass bisher selten Teams auf Augenhöhe aufeinandertreffen. Nicht umsonst war die Partie Belgien gegen Italien bislang eines der Highlights des Turniers. Für die Favoriten sind die bisherigen Partien oft Muster ohne Wert – solange sie gewinnen, kommen sie weiter. Dann treffen sie auf Gegner, die mehr möchten als ein Unentschieden oder einen dreckigen Sieg. So gesehen sind die kleineren Teams eher eine Bremse für das große Spektakel.

Die alten Männer wollen mehr: Warum sind die Italiener mit ihrem modernen Old-School-Fußball plötzlich so gut?
Die Italiener waren bislang die einzige große Mannschaft, die aus einer geordneten Defensive agieren konnte. Sie überließen Belgien das Spiel nahezu komplett. Und dabei machten die Italiener, was die Italiener halt so machen: Sie verschoben perfekt mit ihrer Fünferkette, agierten taktisch diszipliniert. Anders als andere Mauerteams des Turniers konterten sie jedoch auch furios. Die zentralen Stürmer hielten und verteilten die Bälle gut und das Mittelfeld rückte konsequent mit drei bis vier Mann nach. Für die nächsten Spiele gegen Irland und Schweden sind jedoch die spielerischen Qualitäten der Italiener gefragt. Das wird eine ganz andere Aufgabe.