Was will Baumjohann bei den Bayern?

Der Sprung ins Ungewisse

Kaum einer hatte Alexander Baumjohann auf der Liste »Spitzenspieler« – außer Bayern-Manager Hoeneß. Nun geht der Hinterbänkler zum Rekordmeister. Unsere Autoren streiten sich über den Sinn dieses Transfers. Was will Baumjohann bei den Bayern?Imago Pro: Warum der Neuzugang ein Gewinn für den FC Bayern ist

Die Häme nach der Bekanntgabe von Alexander Baumjohanns Wechsel zum FC Bayern München war groß. »Ich wünsche ihm viel Spaß auf der Tribüne in der Allianz-Arena«, textete User A-Wax27 auf der Homepage der »Abendzeitung«. Ob der gute Mann recht behält?

[ad]

Die Bayern werden handliche Gründe gehabt haben, warum sie diesen frisch gebackenen 22-Jährigen im Sommer nach München holen. Sicherlich ist es der geringe Preis, den der Deutsche Meister für das Risiko Baumjohann zahlen muss – der Gladbacher kommt ablösefrei. »Wir probieren das mal. Wo ist das große Risiko für uns?«, sagte denn auch der offenherzige Uli Hoeneß.

Dennoch werden die außenstehenden Beobachter nicht schlau aus dem monatelangen Gebuhle um einen Mittelfeldspieler, der mit 22 gerade einmal 18 Bundesligaspiele absolviert und im aktuellen Kader der Borussen nicht zu der Stammformation gehört. Was kann dieser Mann, was andere nicht können? »Er kann«, antwortet Frank Thiem, einer seiner Jugendtrainer, »Sachen, die kein anderer drauf hat. Dinge, die man nicht trainieren kann.« Wie sein Tor am dritten Spieltag gegen Werder Bremen, als Baumjohann die halbe Bremer Mannschaft im Vollsprint umkurvte, um schließlich auch noch Torhüter Tim Wiese mit einem geschickten Abschluss zu überraschen. Zwar blieb das »Tor des Monats August« Baumjohanns bislang einziger Treffer in der laufenden Spielzeit – dass er zu außergewöhnlichen Aktionen auf dem Spielfeld imstande ist, hat er damit aber bewiesen.

Baumjohanns größter Förderer ist Jupp Heynckes, der ihn beim FC Schalke erstmals Einsatzminuten in der deutschen Eliteklasse absolvieren ließ. Heynckes holte den Techniker schließlich zu Mönchengladbach und soll nun den Wechsel nach München in die Wege geleitet haben. Die »Süddeutsche Zeitung« behauptet, Heynckes habe Baumjohann in München schon hinreichend angepriesen. Bayerns Scout Paul Breitner habe den Mittelfeldspieler fortan beobachtet und schließlich eine »sofortige Verpflichtung empfohlen«.
Gladbach-Legende Thomas Kastenmaier ist Baumjohann bereits als Trainer der B-Jugendlichen über den Weg gelaufen, damals überzeugte der kommende Münchener in der Schalke-Jugend. »Der war damals schon relativ weit vorne«, erinnert sich Kastenmaier, der sich denken kann, wie der viel beachtete Wechsel zu Stande gekommen ist: »Heynckes wird Hoeneß gesagt haben: Pass mal auf, das ist einer. Wenn der sich weiterentwickelt, kann aus dem was werden.«

Bayerns ablösefreier Neuzugang also als Perspektivspieler mit Entwicklungspotential? Möglich wäre das. Wirklich überraschend ist, dass es die Bayern sind, die einen solchen Einkauf tätigen. Bislang sprach man in diesem Zusammenhang eher von Teams wie Werder Bremen, oder Bayer Leverkusen. Kein vorschneller Kauf, um die Konkurrenz zu schwächen (siehe Ismael, Herzog, Olic). Kein hochgejubeltes Jahrhundert-Talent aus dem fernen Ausland (Sosa). Vielmehr ein Spieler, dessen Entwicklung zu einem überdurchschnittlichen Bundesligaspieler noch bevor steht. Sollte sich dieses Szenario bewahrheiten, werden sich Hoeneß und Heynckes die Schulter wund klopfen.

Contra: Der Transfer ist ein Schlag ins Wasser

Vor dem 30. August 2008 tauchte der Name Alexander Baumjohann selten bis gar nicht auf dem Bundesliga-Radar auf. Ein Spieler so bekannt wie Bayram Sadrijaj. Marco Terrazzino oder Zlatko Janjic. Dann folgte besagter Tag und besagtes Tor, ein 70-Meter-Lauf quer über den Platz, an dessen Ende er zum 3:0 gegen Werder Bremen einnetzte. Ja, ein schönes Tor. Doch reicht ein Tor, um vom Perspektivspieler zu einem FC Bayern-tauglichen Profi aufzusteigen? Nein, das tut es nicht. Auch Jan Schlaudraff musste erfahren, was ein Zaubertor gegen Bremen für Wellen schlagen kann. Letztlich beförderten sie ihn auf direktem Wege zu den Bayern – mit bekanntem Ausgang. 

Nach seinem Sensationstor gegen Werder sagte Baumjohann: »Jetzt haben alle gesehen, dass ich es kann.« Das stimmt, in diesem Moment konnte er es, und wie er es konnte. Doch es war nur ein Moment – nicht mehr und nicht weniger. Letztlich gilt es, die Leistung aus diesem Spiel erneut abzurufen – wieder und wieder. Doch dem Tor folgten durchwachsene Leistungen, und er wartete vergebens auf einen festen Platz in der Gladbacher Stammformation.

Für Uli Hoeneß ist der Transfer des Gladbachers ein Experiment. Er spricht selbst von einem Transfer ohne Risiko. Denn Baumjohann kommt ablösefrei, wurde gescoutet und von Jupp Heynckes empfohlen. Doch genau da liegt das Problem: Der Jungstar ist kein Risiko. Wenn er den Durchbruch nicht schafft, ist das okay, weil es niemand wirklich erwartet hat. Ein viel größeres Risiko ist es, millionenschwere Profis internationalen Formats anstelle eines 22-jährigen Lehrlings auf die Bank zu setzen.

Selbst sein großer Fürsprecher Heynckes sagte dem kicker: »Vom Talent her ist Alex ein Spieler für die Bayern, doch er muss erst den Durchbruch in der Bundesliga schaffen.« Und das unterscheidet Baumjohann von seinem Vorbild Hamit Altintop -  den er gerne als Beispiel dafür vorschiebt, dass sich bei Bayern auch Spieler durchsetzen,  die bei ihrem vorherigen Verein nicht zum festen Stamm gehörten. Im Gegensatz zu Baumjohann hatte Altintop vor seinem Wechsel bereits 113 Bundesliga- sowie zahlreiche Länder- und Champions League-Spiele vorzuweisen.

Baumjohann wird es nicht anders ergehen als Jan Schlaudraff. Denn der FC Bayern ist kein Verein, bei dem man sich als Jugend- oder Perspektivspieler durchsetzt. Philipp Lahm und Christian Lell hat Bayern in Stuttgart und Köln reifen lassen, bevor sie eine echte Chance bei den Profis bekamen. Spieler wie Piotr Trochowski und  Alou Diarra (mittlerweile zwölfmaliger Nationalspieler für Frankreich und Führungsspieler bei Girondins Bordeaux), die sich versuchten aus der Bayern-Jugend nach oben zu arbeiten, mussten gleich weichen.

Wenn hochbegabte Nachwuchsspieler ihren Weg bei den Bayern suchen, steht am Ende dieses Versuchs meist der Vereinswechsel. Ein gestandener Profi wie Lukas Podolski hat es vorgemacht. Toni Kroos tat es ihm nach. Auch Baumjoahnn wird sich messen müssen mit Größen wie Ribery, Schweinsteiger und Altintop. Und auch er wird zu der Erkenntnis gelangen, dass der zweite Schritt nicht vor dem ersten kommen sollte.