Was von den Isländern bei der WM zu erwarten ist

»Übrigens bin ich noch Zahnarzt«

Nun hätte man denken können, dass für die Mini-Nation am Polarkreis damit alle Träume übererfüllt gewesen wären. Niemand hätte sich gewundert, wenn für die Helden des »Húh!« in Reykjavik Denkmäler aufgestellt worden wären und sie fortan zufrieden an ihrer Legende gestrickt hätten. Doch nach der Europameisterschaft stellte sich Hallgrimsson die Frage, woran es in Frankreich gefehlt hatte, um noch weiterzukommen.

Eine Antwort darauf war, offensiver zu verteidigen. Als neuer Cheftrainer wollte sich Hallgrimsson weniger auf Konter und Standards verlassen, sondern früher angreifen. Meisterhaft gelang das beim spektakulären 3-0-Sieg Islands in der Türkei. Die historische Leistung, sich als kleinste Nation aller Zeiten für die WM zu qualifizieren, gelang dann übrigens als Tabellenführer und mit einer nur noch durchschnittlichen Zahl von Toren nach Standards. Der Underdog hatte sich von einer typischen Waffe der Underdogs emanzipiert.

»Übrigens bin ich noch Zahnarzt«

All das bedeutet: Island ist besser als vor zwei Jahren, hat bei der WM allerdings eine der schwersten Gruppen erwischt, mit Argentinien, Kroatien und Nigeria. Zudem gibt es im isländischen Lager die leichte Sorge, dass die Mannschaft dann doch von der Größe des Moments überwältigt sein könnten. »Wie groß das hier ist, habe ich genau in dem Moment realisiert, als ich diesen Raum betreten habe«, sagte Mannschaftskapitän Aron Gunnarson im überfüllten Presseraum des Spartak-Stadions.

Eine Journalistin überbrachte ihm die besten Wünsche der Fans aus Kolumbien, den Isländern ist aber sowieso klar, dass sie bei der WM jedermanns mindestens Zweit-Mannschaft sind. »Man kann auch nicht anders, als uns zu lieben«, sagte Hallgrímsson lachend. Wie immer das Turnier für seine Mannschaft und ihn ausgehen möge, hat er sich mit seinem Verbandspräsidenten Gudni Bergsson darauf geeinigt, erst nach drei Wochen Pause zu entscheiden, wie es anschließend weitergeht.

Sollte Hallgrímsson sich nach sieben Jahren vom isländischen Nationalteam verabschieden, könnte Deutschland zu einem realistischen Ziel für ihn werden. Kurz vor der WM hat er sich nämlich mit Projekt B auf eine Zusammenarbeit geeinigt, die deutsche Agentur betreut viele junge Bundesligatrainer wie Julian Nagelsmann, Florian Kohfeldt oder Manuel Baum, aber auch Jürgen Klopp. Allerdings müsste sich ein möglicher neuer Arbeitgeber auf einen besonderen Coach einstellen, wie der in Moskau gleich zu Beginn klarstellte. »Übrigens bin ich noch Zahnarzt, und das werde ich immer bleiben.«