Was von den Ausschreitungen in Rostock zu halten ist

»Lasst mich los, ich hau ihm auf die Schnauze«

Als die Hertha-Hools zum Wiederanpfiff ihre Pyrotechnik entzündeten, dachten sich einige Rostocker noch alibimäßig: »Lasst mich los, ich hau ihm auf die Schnauze«. Offenbar tarierten sie noch aus, wann der rechte Zeitpunkt gekommen sei, um ihrerseits in das Werben bei dieser medienkompatiblen Gewalt-Performance einzuwilligen. Schließlich hatten sie – trotz der Bitten des Vorstandschefs – ein geklautes Hertha-Banner mit ins Stadion geschmuggelt, das sie nun – was für ein dramatisches »Fortissismo« im Mittelteil – im Angesicht der schäumenden Berliner Pyro-Fraktion anzündeten, die Teams von Schiedsrichter Robert Hartmann in die Katakomben entlassen wurden, derweil die redliche Mehrheit des Hansa-Anhangs machtlos und verzweifelt skandierte »Und ihr wollt Hansa-Rostock sein?«

Tristes Bauerntheater

Die Kameras der TV-Sender funkten den Eklat in hochauflösendem HD-Signal in die Wohnstuben und als unbeteiligter Betrachter mit einem soliden Grundwissen von Melodie und Rhythmus dachte ich: Was für eine eigenwillige Ausdruckstanz-Performance? Ein grelles Wimmelbild aus der Peripherie des modernen Fußballs irgendwo zwischen Circus Krone, Colt Seavers und Hieronymus Bosch. Letztlich aber doch nur ein tristes Bauerntheater, zudem schlussendlich auch die hilflosen Kommentare von Mami und Papi kamen: Michael Preetz und Pavel Dotchev, die zweifellos zurecht erkannten, dass es sich hierbei um Handlungen handele, »die niemand in einem Fußballstadion haben will« und dass »solche Sachen nicht zum Sport gehören«.

Und damit es nicht gleich verhallt und wir nach dieser sportlichen Fußnote, dass ein EuroLeague-Teilnehmer einen Drittligisten in der ersten Runde des DFB-Pokals besiegt, sogleich zur Tagesordnung übergehen, entrüsten wir Journalisten uns am heutigen Tag mal ordentlich. Spekulieren munter über die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen (Hansa-Offiziellen soll Gerüchten zufolge schon während des Spieles bekannt gewesen sein, dass das Hertha-Banner von Kogge-Hooligans mit ins Stadion gebracht worden war), damit der Scheinwerfer auf einem vermeintlichen Skandal bleibt, der in Wahrheit dem bloßen Vorsatz entspringt – und so absehbar war wie das Endergebnis.

Disco schließen!

Denn uns allen ist doch klar, dass diese Handvoll Chaoten nur deshalb so beherzt Cowboy & Indianer spielen, weil wir alle uns hinterher so herrlich darüber echauffieren. So wie Hartmut dereinst die Fäuste schwang, weil wir Teenies ihn für seine Kaltblütigkeit fürchteten und in unserem Schauder irgendwie auch bewunderten.

Dass keine Mannschaftswagen voller Einsatzkräfte das Problem lösen, haben die Vorfälle bewiesen. Vielleicht also ließe sich das Problem günstiger lösen: Wie eine geschlossene Disco kein Forum für eine zünftige Kneipenschlägerei bietet, taugt auch kein Fußballmatch, das nirgends übertragen wird und über das auch sonst keiner berichtet, als Plattform für den Randale-Tango einiger Halbstarker auf Crystal Meth.

Und Mutti muss hinterher auch nicht fragen, ob wir da nächste Woche wirklich wieder hingehen wollen.