Was Vincent Kompany den Premier-League-Klubs zu sagen hat

»Natürlich könnte man das Old Trafford jede Woche mit Touristen füllen«

Um zu verstehen, wie bemerkenswert dieses Ergebnis ist, muss man sich kurz die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Premier League vor Augen führen. Denn die Premier League ist bekanntermaßen die Liga, die mit Abstand das meiste Geld verdient, im Vergleich zu den anderen großen europäischen Fußballligen mindestens das Zwei-oder Dreifache. Diese Lücke wird in Zukunft, auch das untersuchte Kompany noch einmal, eher größer als kleiner werden.

Was in erster Linie an den TV-Einnahmen liegt und dem riesigen Vorsprung, den die Premier League marketingtechnisch in weiten Teilen der Welt bereits hat. Das Interesse an der Premier League ist sowohl in Asien, in Afrika oder auch in Amerika enorm. Weswegen der Anteil an den Gesamteinnahmen, den die Premier-League-Vereine mit zahlenden Gästen im Stadion verdienen, immer kleiner wird. 2016 lag er durchschnittlich nur noch bei knapp 18 Prozent. Was Vereine zu der Taktik verleitet, Tickets immer teurer zu machen.

»Natürlich könnte man das Old Trafford jede Woche mit Touristen füllen«

Und diese Taktik geht bei vielen Vereinen, zumindest auf den ersten Blick, durchaus auf. »Natürlich könnte man das Old Trafford in Manchester jedes Wochenende mit Touristen füllen, die für ein Ticket und die Once-in-a-Lifetime-Erfahrung dann eben 400 Pfund auf den Tisch legen. Das funktioniert in der NBA oder NFL ja genauso«, sagt Kompany. Auch wer sich beispielsweise das Heimspiel von Kompanys Arbeitgeber Manchester City gegen Newcastle United am 20. Januar anschauen möchte, zahlt dafür mindestens 45 Pfund, also knapp 50 Euro. Für eine Karte. »Für Spieler sind aber die Fans die wichtigsten, die für den Verein leben. Die, die die Stimmung machen. Allerdings sind das oftmals diejenigen, die sich die Tickets nicht mehr leisten können.« So sitzen immer mehr Menschen im Stadion, die sehr viel Geld dafür ausgegeben haben und die sich deshalb so fühlen, als würde ihnen die Mannschaft nun regelrecht »etwas schulden«. Mit anderen Worten: ein Operettenpublikum.

»Für Vereine können sich Vorteile ergeben, wenn zum einen die Sitzverteilung im Stadion neu geordnet wird und zum anderen die Ticketpreise neu definiert werden. Aus fußball-zentrischer Sicht wird damit anerkannt, welchen Einfluss Zuschauer auf den Spielausgang haben(….) Laut Studien verbessert eine gute Atmosphäre im Stadium darüber hinaus das Fernseherlebnis und steigert somit auch aus ökonomischer Sicht den Wert des Produkts Premier League.« (Auszug aus der Masterarbeit von Vincent Kompany)

Ein Operettenpublikum, das für Kompany sowohl auf kurze als auch auf lange Sicht zum wirtschaftlichen Problem werden könnte. Weil, so weit so klar, Spieler, wenn sie mit leidenschaftlichen und unterstützenden Fans im Rücken besser spielen, ohne diese schlechter spielen. Den Heimvorteil könnte es demnach irgendwann nicht mehr geben, die Mannschaft würde weniger Punkte holen, sportlich also schlechter werden und so auch als Vermarktungsprodukt an Interessenten verlieren. Außerdem würden bei der Stärkung der eigenen Marke Faktoren wie »Authentizität« und die »Klub-Fan-Beziehung« eine oftmals unterschätze Rolle spielen. Beispielsweise gaben viele der von Kompany interviewten Spieler an, dass das für sie eindrücklichste Stadionerlebnis die »Gelbe Wand« in Dortmund gewesen sei. Also eine Stehtribüne, die längst in der ganzen Welt berühmt ist. Weil die ganze Welt weiß, dass dort die »echten« BVB-Fans zu Hause sind, die (meistens) komplett hinter ihrer Mannschaft stehen. Echte Liebe also - die sich auch hervorragend zu Geld machen lässt. Zumindest mit der nötigen Geduld.