Was unterscheidet Enrique und Guardiola?

Ein Fall für zwei

Sie spielten zusammen beim FC Barcelona, und sie begannen gemeinsam ihre Trainerausbildung. Nun stehen sich Guardiola und Enrique im Champions-League-Halbfinale gegenüber. Wer ist das Original? Wer die Kopie?

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Am 29. September 2005 musste die zweite B-Jugend des FC Barcelona lange auf ihren Trainer warten. Sonst die Pünktlichkeit in Person, war an diesem späten Nachmittag von Fran Sanchez zuerst keine Spur. Die Minuten vergingen, Thiago, Marc Bartra, Martin Montoya und die anderen standen in der Gegend umher, als sie ihren Trainer endlich am Horizont kommen sahen.

Im Schlepptau hatte der gleich noch zwei Neue. Die beiden werden heute mitmachen und auch in den kommenden Tagen immer mal wieder beim Training auftauchen, erklärte Sanchez. Seinen Spielern standen die Münder offen. Die zwei Assistenten waren Pep Guardiola und Luis Enrique – beides Barca-Legenden, die gerade ihre Karrieren als Spieler beendet hatten und nun im Rahmen ihrer Trainerausbildung bei der B-Jugend hospitierten.

Mehr gefragt hätten sie als andere, erinnert sich Sanchez. Zu den Trainingsformen, zu den Spielern. Ansonsten hätten sie sich aber ganz normal benommen und schnell in die Gruppe integriert.

Vergangenheit gegen Gegenwart

Luis Enriques Karriere war schon immer eng mit der Pep Guardiolas verbunden. Als Spieler gewannen sie gemeinsam olympisches Gold 1992 in Barcelona, später spielten sie bei Barca und in der Nationalmannschaft zusammen. Als Trainer begannen sie gemeinsam den Lehrgang beim spanischen Verband. Guardiola übernahm danach bald die erste Mannschaft des FC Barcelona, Enrique coachte die Reserve.

Heute Abend trifft der Trainer Luis Enrique zum ersten Mal als Gegner auf den Trainer Pep Guardiola. Barcelona gegen Bayern. Aus Sicht der Spanier heißt das auch: Vergangenheit gegen Gegenwart.

Guardiola, mit 14 Titeln in vier Jahren der erfolgreichste Trainer in Barcelonas Vereinsgeschichte, hat seine Ideen und seine Auffassung vom Spiel mit nach München genommen und versucht nun, seiner alten Liebe über mindestens 180 Minuten den Spiegel vorzuhalten.

»Luis hat die Mannschaft geformt«

Luis Enrique galt beim FC Barcelona immer als sein logischer Nachfolger. Weil er der gleichen, ballbesitzorientierten Denkschule entstammt, über die gleiche offensive Spielauffassung verfügt und doch anders ist. Kein billiger Abklatsch von Guardiola, sondern einer, der als Trainer im Detail so abweicht, das er problemlos als neu durchgeht, ohne gleich eine Revolution bei den traditionsbewussten Katalanen auszulösen.

Enrique hat Barcelonas Spiel modifiziert, es weiterentwickelt, jedoch nicht seiner alten Stärken beraubt. Ballbesitz bleibt weiter Barcas höchstes Gut, aber er wird nicht mehr so statisch vorgetragen wie zum Ende der Guardiola-Ära. Alles geht jetzt schneller, das Mittelfeld wird zügiger überbrückt. »Das ist oberflächlich gesehen immer noch der FC Barcelona, wie man ihn kennt, aber Luis hat die Mannschaft nach seinem Verständnis geformt«, sagt Ronald de Boer. Der Holländer hat in den späten Neunzigern gemeinsam mit Enrique und Guardiola für Barcelona gespielt.