Was sich Borussia Dortmund von Lucien Favre erhofft

Ein falscher Ruf eilt ihm voraus

In Nizza hat sich Favre dahingehend weiterentwickelt, dass sein Fußball noch eine Stufe flexibler wurde. In Gladbach ließ Favre praktisch immer im 4-4-2 verteidigen. Mittlerweile kommt bei Favre auch häufiger eine Fünferkette zum Einsatz, auch ein 4-3-3 nutzt er. Auch in diesen Systemen achtet Favre darauf, dass die Spieler die Abstände zueinander perfekt einhalten. Durch die häufigeren Systemwechsel ist Favre für den Gegner weniger berechenbar geworden. Es ist daher kaum vorherzusagen, welche Formation Favre beim BVB präferiert: Ein 5-3-2? Oder doch das klassische 4-4-2?

Bei Favre tritt die Grundformation ohnehin in den Hintergrund, viel dreht sich um taktische Details. Legendär ist beispielsweise, wie er Marco Reus in Gladbach half, ein besserer Dribbler zu werden: Reus solle genau darauf achten, auf welchem Fuß der Gegner sein Gewicht verlagert, und dementsprechend am Standbein des Gegners vorbeidribbeln. Solche Details lassen sich in allen Spielphasen einer Favre-Mannschaft finden, seien es die erwähnten perfekten Abstände oder schlicht die Tatsache, dass Favre-Spieler ihren Mitspieler stets auf dem starken Fuß anspielen.

Ein falscher Ruf eilt ihm voraus

Favre kann Spieler mit seiner Detailversessenheit schon einmal nerven. Seine Trainingseinheiten und seine Taktikbesprechungen dauern länger als bei den meisten anderen Trainern. Spieler, die sich auf Favre einlassen, belohnen sich dafür aber meist selbst mit besseren Leistungen.

Das müssen im Übrigen keine jungen Spieler sein. In Gladbach profitierten gerade ältere Profis wie Mike Hanke, Luis Arango oder Oscar Wendt von Favre. Der Ruf, Favre entwickle junge Spieler weiter, trifft also nur teils zu. In Nizza warfen sie Favre sogar lange Zeit vor, jungen Spielern zu wenig Einsatzzeit zu schenken.

Insofern ist die Hoffnung etwas voreilig, dass Riesentalente wie Jadon Sancho, Christian Pulisic oder Alex Zagadou unter Favres Führung sofort ein Sprung gelingen wird. Dennoch ist sie nicht gänzlich aus der Welt gegriffen. In Dortmund ist in den vergangenen zwei Jahren viel passiert: der Anschlag, der Streit um Thomas Tuchel, danach zwei Trainer mit völlig unterschiedlicher Philosophie und Persönlichkeit.

Der Trainer, den Dortmund jetzt braucht

Es könnte dieser Mannschaft guttun, einen Trainer zu haben, der alles außer Fußball völlig ausblendet. Der seine Zeit einzig darauf verwendet, die Rohdiamten in Dortmunds Kader zu schleifen: Pulisic, achte bei deinen Dribblings auf die Stellung deines linken Fußes! Weigl, wenn der gegnerische Sechser den Ball hat, musst du drei Meter weiter vorrücken! Toljan, wenn du zwei Sekunden später nach vorne startest, ist der Raum hinter dem gegnerischen Außenverteidiger frei!

Es ist nicht so, dass Favres Vorgänger diese Dinge unwichtig waren. Doch kaum ein Trainer hat einen so versessenen Blick auf das Spiel wie Favre. Seine Mischung aus stabiler Defensive, ruhigem Ballbesitzspiel und plötzlicher Tempowechsel passt zu einem Dortmunder Kader, der spielstark und zugleich schnell ist. Wer weiß, vielleicht hat der dritte Trainer innerhalb eines Jahres mehr Fortune als seine Vorgänger.