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Was Özils Vater zu sagen hat

Zwischen Papa und Präsident

Mesut Özil wird der Schwarze Peter für das Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft zugespielt. Jetzt hat sich sein Vater zu Wort gemeldet. Und das hat vielleicht sein Gutes.

imago

»An Mesuts Stelle würde ich zurücktreten«, sagt einer, der mal dessen wichtigster Berater war und immer noch vor allem eines ist: sein Vater. Bis in den Oktober 2013 hinein war Mustafa Özil einer der Macher hinter der Karriere von Sohn Mesut. In jungen Jahren an der Seitenlinie, wenn der Filius sich auf den Ascheplätzen von Westfalia 04 Gelsenkirchen und Teutonia Schalke durch die gegnerischen Abwehrreihen tanzte. Später dann in den Chefetagen der Fußballwelt.

Aus seinem Jungen wird ein Weltstar

Verhandlungen mit privaten Sponsoren wie Nike, Pepsi oder Mercedes, Verhandlungen mit Klubs wie Real Madrid. Aus dem Mann, der als Kleinkind aus einem türkischen Dorf am Schwarzen Meer ins Ruhrgebiet kam, wurde eine Größe des Fußballgeschäfts. Die sich inszenierte und dabei irgendwann das rechte Maß zu verlieren schien.

Zu Geschäftsterminen seiner »Özil Marketing GmbH« lud er gern mal ins noble Düsseldorfer »Breidenbacher Hof«, wo das stille Wasser so viel kostet wie eine Familienkarte für das Freibad, und die Suite, die es dann zur Erholung schon sein musste, so viel wie eine Woche Pauschal-Urlaub in Antalya. Er trug rote Samstschuhe und Maßanzüge. Und warum auch nicht, die Geschäfte liefen bombig. »Allein ein guter Fußballer zu sein, das reicht nicht«, sagte Mustafa Özil vor etwas mehr als vier Jahren. Er wusste, wovon er sprach. Zusammen mit Spielervermittlern wie Reza Fazeli und PR-Profis wie Roland Eitel, der unter anderem schon Jogi Löw und Jürgen Klinsmann beratend zur Seite stand, formten sie aus dem schüchternen Jungen Mesut einen Weltstar.

Junge Frauen, unbekannte Frauen

Einen, dessen Name nicht nur in Wanne-Eickel sondern auch in Bangkok oder Rio de Janeiro einen Klang hat. Einen, der nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in den sozialen Netzwerken inzwischen in seiner eigenen Liga spielte. Dann kam es zum großen Knall. Özil gegen Özil gegen Özil. Papa Mustafa war immer häufiger an der Seite junger Frauen zu sehen, die »Mesut nicht kannte und nicht kennenlernen wollte«, wie die »Bild«-Zeitung schrieb. Dann legte er sich auch noch mit Florentino Perez an, dem Präsidenten von Real Madrid. Zu wenig Wertschätzung erfahre sein Sohn bei den Königlichen aus Spaniens Hauptstadt, befand Mustafa Özil und ließ im wahrsten Sinn die Türen knallen. Dass Sohn Mesut sich bei Real wohlfühlte, kurz zuvor noch einen Treueschwur auf seinen Verbleib geleistet hatte? Spielte keine Rolle mehr. Madrid interessierte sich für den Waliser Gareth Bale und der aufmüpfige Özil-Clan wurde nach London abgeschoben, zum FC Arsenal. 50 Millionen Euro Ablöse, ein schönes Sümmchen, an dem auch Papa Mustafa ordentlich mitverdient haben dürfte. Es war sein letzter Streich.

Kurze Zeit nach dem Wechsel sägte Mesut Özil seinen eigenen Vater ab, ersetzte ihn durch seinen dreieinhalb Jahre älteren Bruder Mutlu. Seither herrschte mehr oder minder Funkstille zwischen Vater und Sohn. Nun meldete sich Mustafa im Interview mit der »Bild am Sonntag“ zurück, rät nicht direkt zum Rücktritt aus der Nationalmannschaft, würde diesen Schritt aber verstehen, denn: »Er spielt seit neun Jahren in der deutschen Nationalmannschaft. (...) Es hieß immer: Wenn wir gewinnen, gewinnen wir zusammen. Aber wenn wir verlieren, verlieren wir wegen Özil? (...) Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich sagen: Schönen Dank, aber das war es! Dafür ist die Kränkung dann doch zu groß.« Und zum umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan: »Ich habe gedacht: Oha, jetzt bricht alles zusammen. Es war ja nicht das erste Foto von Mesut mit Erdogan. Ich wusste, dass das kein politisches Statement von ihm war.«

Einigkeit

Womöglich hat die leidliche Debatte um Mesut Özil, sein Treffen mit Erdogan, seine Körpersprache und den Anteil am deutschen WM-Aus also immerhin ein Gutes: Einigkeit zwischen Vater und Sohn. Angesichts der überhitzten Debatte möchte man meinen: Immerhin etwas.